Die Uhr zeigt kurz nach 20 Uhr, als sich Herbert Grönemeyer durch die Menge in Richtung Bühnenmitte bewegt. In der restlos ausverkauften Barclays Arena brandet schon vor dem ersten Ton tosender Applaus auf. 13.500 Menschen erheben sich von ihren Plätzen, jubeln, klatschen, feiern einen Künstler, der auch nach fast fünf Jahrzehnten im Geschäft nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat. Grönemeyer reißt die Arme hoch, wirkt elektrisiert – und bereit für einen besonderen Abend.
Seine aktuelle Tour trägt den Titel „Mittendrin – akustisch“, und genau das ist das Konzept: Eine runde Bühne im Zentrum der Halle, fast wie ein überdimensionaler Plattenspieler, schafft Nähe in alle Richtungen. Begleitet von Band, Kammerorchester und dem Berliner Chor „Grenzenlos“ kündigt der 69-Jährige ein Konzert an, das „leiser, feiner, zarter“ werden soll. Doch wer Grönemeyer kennt, ahnt schnell: Auch akustisch kann es bei ihm gewaltig werden.
Den Auftakt macht er mit „Unfassbarer Grund“, zunächst nur getragen vom Chor. Die intime Stimmung hält allerdings nicht lange inne – schon wenige Songs später entfaltet sich ein kraftvoller, vielschichtiger Klang aus Streichern, Bläsern, akustischen Gitarren und Percussion. Elektrische Wucht weicht orchestraler Intensität. Manche Arrangements überraschen, wirken neu gedacht, doch das Publikum nimmt sie begeistert an.
Das Programm spannt einen Bogen durch nahezu 50 Jahre Musikgeschichte. Neben Klassikern finden sich zahlreiche Stücke aus den jüngeren Alben „Tumult“ und „Das ist los“ im Set – ein klares Zeichen, dass Grönemeyer sich nicht auf einem reinen Best-of ausruht. Und doch fehlen die großen Hymnen nicht. Als die ersten Takte des „Steigerlieds“ erklingen, ist klar, was folgt: „Bochum“. Tausende Hamburger singen die Ruhrgebiets-Hymne mit einer Inbrunst, als kämen sie selbst von dort. Grönemeyer strahlt. „Ach, ist das schön!“, ruft er begeistert ins Rund.
Überhaupt scheint der Sänger die Energie des Abends förmlich aufzusaugen. Er tanzt, springt, wirbelt über die Bühne, fordert das Publikum zum Mitmachen auf – inklusive eines eigens erklärten „Schulterwalzers“. Bei „Alkohol“ mischt er sich mitten unter die Fans, verteilt Umarmungen und zerzaust lachend Haare. Immer wieder schüttelt er ungläubig den Kopf über die Lautstärke und Ekstase an diesem Dienstagabend: „Ihr seid doch irre!“
Zu hören sind unter anderem „Mensch“, „Flugzeuge im Bauch“, „Was soll das?“, „Halt mich“, „Männer“, „Mambo“, „Unterwegs“, „Sekundenglück“ und „Demo (Letzter Tag)“. Besonders die Balladen gewinnen durch die akustischen Arrangements an Tiefe. Wenn bei „Der Weg“ oder „Warum“ Chor und Orchester einsetzen, entsteht eine eindringliche, beinahe andächtige Atmosphäre. Kleine Patzer nimmt das Publikum ihm nicht übel – als er einmal einen Mittelteil vergisst, kommentiert er lachend, er sei vom gemeinsamen Singen so überwältigt gewesen. Die Sympathien sind ihm sicher.
Doch Grönemeyer wäre nicht Grönemeyer, würde er sich auf Musik und Nostalgie beschränken. Zwischen den Songs bezieht er klar Stellung. Vor „Fall der Fälle“ und „Doppelherz“ spricht er über gesellschaftlichen Zusammenhalt, über Demokratie und über die Gefahren von Rechtsextremismus. Mit Nachdruck betont er, dass niemand ein Mensch zweiter Klasse sei, dass Vielfalt längst Teil der deutschen Realität ist – auch in seiner eigenen Familie. Die Arena reagiert mit langanhaltendem Applaus. Seine Worte wirken nicht einstudiert, sondern persönlich und dringlich.
Fast drei Stunden steht Grönemeyer auf der Bühne, gönnt sich kaum Pausen. Den regulären Teil beendet er mit „Zeit, dass sich was dreht“. Doch selbst als Band und Sänger kurz verschwinden, singt das Publikum weiter. Erst nach drei ausgedehnten Zugabenblöcken wird es allmählich ruhiger. Hit reiht sich an Hit – „Männer“, „Was soll das?“, „Flugzeuge im Bauch“. Der Chor tanzt im Hintergrund, die Stimmung bleibt ausgelassen.
Gegen 23 Uhr wird es schließlich doch noch so „feiner, leiser, zarter“, wie angekündigt. Am Klavier, nur vom Chor und Orchester begleitet, beschließt Grönemeyer den Abend mit einem stillen Moment. Die Arena lauscht gebannt. Zum Abschied bedankt er sich sichtlich bewegt: Es sei wunderbar gewesen, man komme wieder.
Und daran besteht kein Zweifel: Dieses Energiebündel wirkt mit Blick auf seinen baldigen 70. Geburtstag alles andere als müde. Die Hamburger Fans dürfen sich freuen – 2027 steht er erneut in der Barclays Arena auf der Bühne. Bis dahin bleibt die Erinnerung an einen Abend, der zeigte, dass akustisch keineswegs leise bedeuten muss – und dass Herbert Grönemeyer noch lange nicht ans Aufhören denkt.
Fotocredit: Frederike Wetzels zur Verfügung gestellt von Dirk Becker Entertainment GmbH
Review: Sascha Beckmann