In ihrer selbstbetitelten EP „I Promised The World“ legt die junge Band I Promised The World ein Werk vor, das sich wie ein Brückenschlag zwischen zwei Generationen anfühlt: der rohen Emotionalität der frühen 2000er-Emoszene und einer modernen, digital zerrissenen Welt, die Gefühle gnadenlos verstärkt und gleichzeitig fragmentiert. Für mich persönlich war diese EP ein erster Berührungspunkt mit der Band – und dennoch hat sie mich unmittelbar in eine Zeit zurückgeworfen, in der Acts wie Alesana oder A Skylit Drive mit theatralischem Pathos ganze Jugendkulturen prägten.
Nur fühlt sich „I Promised The World“ nicht wie eine nostalgische Kopie an, sondern wie eine Weiterentwicklung: klarer, technisch reifer, emotional präziser.
Gerade weil die Bandmitglieder kaum älter als 21 sind, überrascht die Tiefe dieser EP. Hier klingt kein jugendlicher Übermut, sondern ein echter emotionaler Abdruck. Die tragische Grundlage – die Band entstand aus Caleb Molinas Trauer nach dem Verlust seines Vaters – verleiht dem gesamten Werk eine Schwere, die nie künstlich wirkt, sondern in jeder Note mitschwingt.
Im Vergleich zu früheren Veröffentlichungen der Band – die ich mir nachträglich erst bewusst und ausführlich angehört habe – fällt besonders auf, wie viel sicherer, mutiger und kontrollierter I Promised The World inzwischen agieren. Wo ältere Stücke noch suchend und manchmal fast skizzenhaft wirkten, präsentiert die EP eine Gruppe, die ihre Identität gefunden hat, ohne ihre Verletzlichkeit zu verstecken.
Handwerklich überzeugt die EP mit einer starken Balance aus atmosphärischer Dichte und jugendlicher Unruhe. Sie wirkt wie ein Werk, das gleichzeitig trauert, rebelliert, erinnert und neu beginnt. Dieses Spannungsfeld macht „I Promised The World“ zu einer EP, die sowohl Fans der frühen Screamo/Midwest-Emo-Ära anspricht als auch Hörer*innen, die moderne Emocore-Produktionen bevorzugen. Vor allem aber fühlt sich das Material erstaunlich zeitlos an – nicht festgezurrt zwischen Trendwellen, sondern getragen von echter Erfahrung.
Dass die Band bereits mit Acts wie Deafheaven, Midrit oder Koyo unterwegs war, überrascht angesichts dieser EP nicht. Sie beweist eindrucksvoll, dass I Promised The World keine kurze Erscheinung sind. Für jemanden wie mich, der die Band vorher nicht kannte, war dieses Release eine unerwartete Wiederbegegnung mit einer Szene, die mich musikalisch geprägt hat, jedoch in einer Form, die ausgereifter und professioneller klingt als vieles aus meiner eigenen „Emo-Zeit“.
„I Promised The World“ ist keine EP, die man hört und wieder vergisst. Sie hinterlässt ein Gefühl. Und genau das ist es, was dieses Genre immer dann besonders macht, wenn es am wahrhaftigsten ist.
Fotocredit: Ryan Johnson