Es gibt Momente in der Musikgeschichte, in denen eine Band über sich hinauswachsen muss, um nicht an der Last der Realität zu zerbrechen. As Everything Unfolds haben genau diesen Moment erreicht. Nach über 30 Millionen Streams, Nominierungen für die Heavy Music Awards und fulminanten Auftritten auf dem Wacken oder dem Download Festival stand die Welt für das Quartett aus High Wycombe im Jahr 2024 plötzlich still. Der tragische Verlust ihres Schlagzeugers Jamie Gowers hinterließ eine Lücke, die kaum in Worte zu fassen war. Doch Charlie Rolfe (Vocals), Adam Kerr (Gitarre), George Hunt (Bass) und Jon Cassidy (Synths/Programming) haben sich entschieden, den Schmerz nicht zu verschweigen, sondern ihn zu kanalisieren. Mit ihrem neuen Werk „DID YOU ASK TO BE SET FREE?“ (VÖ: 10.04.2026) liefern sie ein Album ab, das weit mehr ist als nur eine Sammlung neuer Songs – es ist eine hochemotionale Reise durch die Ruinen der Seele hin zu einem neuen Horizont.
Eine Odyssee durch Licht und Schatten
Die Reise beginnt mit „DENIAL“, einem Song, der das Album perfekt einleitet. Ein atmosphärisches Intro wiegt die Hörerschaft in Sicherheit, bevor Rolfes Stimme von glasklarem Gesang in schneidende Shouts umschlägt. Technisch brillante Riffs untermauern einen Refrain, der sich sofort als Ohrwurm festsetzt und den hohen Standard des Albums setzt. Direkt im Anschluss folgt „GASOLINE“. Hier zeigt die Band ihre rhythmische Finesse: Das Instrumental ist derart ansteckend und tanzbar, dass man kaum still sitzen kann. Der Song mündet in einem gewaltigen Spannungsaufbau, der sich in einem letzten, energetischen Refrain entlädt, bevor er abrupt endet – ein garantierter Live-Abriss.
In „POINT OF VIEW“ rückt die E-Gitarre von Adam Kerr massiv in den Fokus. Die raue Energie harmoniert perfekt mit den Vocals, gipfelnd in einem Breakdown mit dreckigen Shouts, die jeden Moshpit zum Kochen bringen werden. Einen bewussten Kontrast bildet „FIND ANOTHER WAY“. Als emotionale Atempause konzipiert, glänzt Charlie Rolfe hier mit ihrem puren Gesangstalent. Der Track wirkt wie ein schützender Klangteppich, der die Lyrics über Selbstaufopferung und Burnout behutsam einbettet.
Mit „CUT THE LIES“ und „BREAK IT AWAY“ taucht die Band tiefer in experimentelle Gefilde ein. Während Ersterer mit subtilen Autotune-Effekten und einem modernen, fast schon poppigen Unterton spielt, zeigt Zweiteter die schiere stimmliche Range von Rolfe, die hier mühelos zwischen den Extremen wechselt. Ein technisches Highlight ist zweifellos „SET IN FLOW“. Mit einem futuristischen, elektronisch angehauchten Start erinnert die Nummer an die Innovationskraft von Northlane. Es ist ein rastloser, vielschichtiger Song, der trotz seiner Komplexität eine unglaubliche Eingängigkeit bewahrt.
Die Metalcore-Wurzeln werden in „WHAT YOU WANTED“ besonders deutlich, nicht zuletzt durch das brachiale Feature mit Dani Winter-Bates (Bury Tomorrow). Der Kontrast zwischen Charlies klarem Gesang und Danis legendären, tiefen Vocals erzeugt einen wahren Tornado an Intensität. Auch „IDOLS“ hält dieses Energielevel und besticht durch druckvolle Instrumentals und messerscharfe Shouts.
Gegen Ende des Albums überrascht „REVERIE“ mit seiner Tanzbarkeit und zeigt, wie wandelbar die Band ist, indem sie düstere Themen in dynamische Rhythmen kleidet. Bevor der Vorhang fällt, schenkt uns die Band mit „EDGE OF FOREVER“ eine hochemotionale Alternative-Ballade. Die engelsgleiche Stimme Rolfes sorgt hier für echte Gänsehaut-Momente. Das große Finale markiert „SETTING SUN“ . Wie ein Mantra zieht sich die Zeile „Always waiting for the end to come“ durch den Song. Die enorme Sounddichte und die melodische Tiefe bindet die Hörerschaft ein letztes Mal an das Album, bevor der Track langsam ausklingt und den Zuhörenden Zeit zum Atmen lässt.
Fazit
„DID YOU ASK TO BE SET FREE?“ ist ein Triumph der Resilienz. As Everything Unfolds ist es gelungen, ein Album zu erschaffen, das trotz der schweren Themen – Trauer, Trauma und Realitätsflucht – eine unglaubliche Strahlkraft besitzt. Jeder Song besitzt eine eigene Identität, ohne den roten Faden zu verlieren.
Dieses Album gibt keine fertigen Antworten, sondern dokumentiert den fragilen Prozess des Weitermachens. Für Fans der ersten Stunde ist es ein emotionales Geschenk, für alle anderen eine absolute Kaufempfehlung. Wer wissen will, wie moderne, grenzenlose Alternative-Musik im Jahr 2026 klingen muss, kommt an diesem Album nicht vorbei.
Fotocredit: Albumcover / Artwork