Mit Paula Carolina ist in den vergangenen Jahren eine der eigenständigsten Stimmen im deutschsprachigen Indie entstanden – und genau diese Eigenständigkeit stellt sie mit ihrem zweiten Album „wild“ mehr denn je in den Mittelpunkt. Während bereits die EP „Heiß/Kalt“ sowie das Debüt „Extra“ ( Hier dazu unsere Review )durch Energie, Witz und eine gewisse Unbekümmertheit auffielen, wirkt „wild“ wie der bewusste Versuch, diese Ansätze weiterzudenken – und gleichzeitig zu hinterfragen.
Im direkten Vergleich zu „Extra“, das oft von einer gewissen Leichtigkeit und Spontaneität lebte, präsentiert sich „wild“ deutlich ambitionierter, stellenweise sogar überambitioniert. Die Platte wirkt konzeptioneller, dichter, aber auch fragmentierter. Wo das Debüt noch mit klaren Strukturen und sofort zugänglichen Momenten punkten konnte, setzt Paula Carolina nun stärker auf Brüche, Experimente und bewusst gesetzte Irritationen. Das ist mutig – funktioniert jedoch nicht in jedem Moment gleich gut.
Klanglich bleibt die Basis zwar im Indie-Pop verankert, wird aber konsequent erweitert: Elemente aus Post-Punk, NDW-Anleihen, orchestrale Versatzstücke und elektronische Spielereien greifen ineinander und erzeugen einen Sound, der sich bewusst gegen klare Kategorisierung sperrt. Diese stilistische Offenheit ist eine der größten Stärken des Albums, führt jedoch gleichzeitig dazu, dass „wild“ nicht immer die Geschlossenheit erreicht, die man sich stellenweise wünschen würde.
Inhaltlich zeigt sich eine klare Weiterentwicklung. Während frühere Releases oft stärker um persönliche Perspektiven kreisten, öffnet sich Paula Carolina hier thematisch deutlich und richtet den Blick verstärkt auf gesellschaftliche Beobachtungen. Mit scharfem Humor, Ironie und einem Hang zum Absurden kommentiert sie Phänomene der Gegenwart, ohne dabei belehrend zu wirken. Gerade diese Mischung aus Ernst und spielerischer Überzeichnung bleibt eines ihrer größten Alleinstellungsmerkmale.
Dennoch ist genau diese Überladung an Ideen auch ein zweischneidiges Schwert. „wild“ will viel – vielleicht manchmal zu viel. Zwischen Detailverliebtheit, Soundspielereien und textlicher Verspieltheit verliert sich das Album gelegentlich in seiner eigenen Kreativität. Wo „Extra“ noch direkter wirkte, verlangt der Zweitling mehr Aufmerksamkeit und Geduld. Das macht ihn spannender, aber auch weniger unmittelbar greifbar.
Was sich jedoch nicht verändert hat – und weiterhin klar für Paula Carolina spricht – ist ihre Fähigkeit, eine ganz eigene Welt zu erschaffen. Ihr Stil bleibt unverkennbar, ihre künstlerische Handschrift zieht sich konsequent durch das gesamte Album. Auch im Vergleich zu vielen aktuellen deutschsprachigen Indie-Veröffentlichungen hebt sie sich weiterhin deutlich ab, gerade weil sie sich konsequent gegen Erwartungshaltungen stellt.
Unterm Strich ist „wild“ kein einfaches, aber ein wichtiges Album. Es zeigt eine Künstlerin, die sich nicht auf bisherigen Erfolgen ausruht, sondern bereit ist, Risiken einzugehen und sich weiterzuentwickeln – auch auf die Gefahr hin, nicht immer den einfachsten Weg zu wählen. Weniger zugänglich als „Extra“, dafür mutiger, kantiger und in seinen besten Momenten beeindruckend eigenständig.
„ICH WAR HIER“ – Tour 2026
18.04.2026 Münster, Jovel
19.04.2026 Hannover, Capitol
20.04.2026 Köln, Live Music Hall
22.04.2026 Stuttgart, Wizemann
23.04.2026 Nürnberg, Z-Bau
24.04.2026 Frankfurt, Zoom
25.04.2026 AT-Winterthur, Salzhaus
27.04.2026 Heidelberg, Halle02
28.04.2026 München, Muffathalle
29.04.2026 AT-Wien, Arena
01.05.2026 Leipzig, Felsenkeller
02.05.2026 Hamburg, Große Freiheit 36
03.05.2026 Bremen, Modernes
05.05.2026 Dresden, Tante Ju
06.05.2026 Berlin, Columbiahalle
Fotocredit: Albumcover / Artwork