Mit „UNERHØRT – Ihre schönsten Songs bis jetzt“ legen The NØ nur etwas mehr als ein Jahr nach ihrem letzten Album bereits neues Material vor – und zeigen damit, dass Stillstand für die Hamburger Band keine Option ist. Was einst als Übergang von der früheren Formation No Life Lost gedacht war, entwickelt sich immer mehr zu einem eigenständigen Kapitel mit klarer künstlerischer Handschrift. Musikalisch bewegt sich das Album zwischen Ska-Punk, Punk-Rock und überraschenden Ausflügen in andere Genres, während die Texte aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreifen – von Social Media und KI bis hin zu Ego-Kultur oder Fußballkommerz. Dabei gelingt es The NØ, ernste Beobachtungen mit Humor und Selbstironie zu verbinden. Im Interview mit uns dem Frontstage Magazine spricht die Band über die Entstehung des Albums, ihre musikalische Entwicklung, den Einfluss ihrer Vergangenheit und darüber, warum Humor manchmal der beste Weg ist, mit den Herausforderungen der Gegenwart umzugehen.
Frontstage Magazine: Mit „UNERHØRT – Ihre schönsten Songs bis jetzt“ veröffentlicht ihr nur etwas mehr als ein Jahr nach eurem ersten Album bereits ein komplett neues Werk mit eigenen Songs. Was war für euch der entscheidende Moment zu sagen: Jetzt ist die Zeit für ein Album mit neuem Material
The NØ: Moin! Den Plan für das jetzige Album hatten wir schon bei der Veröffentlichung von „The NØ! vs. No Life Lost- Melodien für Momente“. Genau genommen sollte das letzte Album eine Überleitung von der „No Life Lost“ Cover Band zu der eigenständigen Band „The NØ!“ sein, deswegen auch der Zusatz im Plattentitel „The NØ! vs. No Life Lost“. Wir hatten zum einem das Gefühl wir können mit dem Album endgültig einen Schlussstrich unter das Kapitel No Life Lost setzen, zum anderen gab es auch noch so viele gute und in der Form noch nie auf Vinyl veröffentlichte No Life Lost Songs bei denen es schade gewesen wäre, sie unveröffentlicht und vergessen zu lassen.
Frontstage Magazine: Eure Songs greifen viele aktuelle Themen auf – von Social Media und KI über Ego-Kultur bis hin zur Kommerzialisierung im Fußball. Wie entsteht bei euch der Prozess, solche gesellschaftlichen Themen in Songs zu verwandeln, ohne dabei belehrend zu wirken?
The NØ: Die meisten Songs entstehen bei uns über selbst erlebte Situationen. Zum Beispiel bei „Ich mag Ich nicht“, der Song auf der „UNERHØRT“ über KI und Social Media, gab es die Idee zu dem Thema schon recht lange (allerdings unter dem Arbeitstitel „Insel ohne Bier und Internet“) Die meisten bei uns in der Band nutzen Social Media nicht, der verbleibende Rest steht der ganzen Sache auch eher skeptisch gegenüber, nutzt aber dann doch Social Media. So gibt es schon innerhalb der Band sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema. Es entstehen aus den Diskussionen einzelne Textzeilen, die über eine passende Strophe den Weg zu einem kompletten Song finden.
Frontstage Magazine: Musikalisch bewegt ihr euch auf dem Album nicht nur im Ska-Punk, sondern streift auch Genres wie Bossa Nova, Roots Reggae oder sogar Sludge Metal. Wie wichtig ist euch diese stilistische Offenheit und wie entstehen solche genreübergreifenden Ideen innerhalb der Band?
The NØ: Diese „stilistische Offenheit“ wie ihr es nennt gab es schon zu No Life Lost Zeiten und ist auch etwas was hoffentlich bei The NØ! erhalten bleibt. Unser erstes Demo Tape („Nice Scheiß“ ca. 1988) war zum Beispiel sehr stark von Bands wie Motörhead, Anthrax etc. beeinflusst. Die EP „No Life Lost“ von 1990 war dann schon eher klassischer Punk, bevor mit „Überbeast“ 1995, dann Ska Punk mit Crossover Elementen die musikalische Ausrichtung der Band angab (in irgendeiner Reviews von damals wurde dann auch vermutet, es handelt sich bei der Band eigentlich um Jazz Musiker die sich mal am Punk versuchen wollten). Der jeweilige Stil der Patten spiegelt bei uns immer auch bestimmte Lebensabschnitte wieder. Wir entwickeln uns menschlich wie musikalisch immer weiter und das zeigt sich dann auch Stilistisch (und auch textlich) in unseren Songs. Wir werden uns auch weiterhin bei verschiedenen Stilen bedienen, dies bringt auch den Vorteil mit sich, dass unsere Songs selten ähnlich klingen.
Frontstage Magazine: Viele eurer Texte verbinden Humor mit gesellschaftlicher Beobachtung und einem gewissen Augenzwinkern. Welche Rolle spielt Humor für euch generell beim Schreiben von Songs und beim Umgang mit ernsteren Themen?
The NØ: Ich denke Humor ist häufig der einzige Weg auch ernstere Themen zu ertragen. Sich selbst den Spiegel vorzuhalten, sich nicht so ernst nehmen, ein ernstes Thema mit Humor betrachten sind für uns Strategien, um uns irgendwie auch selbst vor zu starker psychischer Belastung zu schützen. Es gibt aber leider auch viele gesellschaftliche Themen die du nicht mit Humor auffangen kannst.
Frontstage Magazine: Ihr kommt aus Hamburg und habt mit eurer Vorgängerband bereits eine musikalische Geschichte. Inwiefern prägt diese Vergangenheit euren heutigen Ansatz mit The NØ!?
The NØ: Sehr Stark! Nach der Auflösung von No Life Lost 2015 hatten fast alle in der Band mit dem Musik machen auf diese Art abgeschlossen. Kennt ja jede Band: Der Freizeitfaktor durch den Zeitaufwand- jedes zweite Wochenende tausende von Kilometern mit 8 Leuten im Bus gestopft für Konzerte herumzufahren; der menschliche Faktor durch sehr unterschiedliche Lebensplanungen bei allen – Kinder, Familie, Job und natürlich zu guter Letzt: Das liebe Geld, schlussendlich wurde die Band immer mehr zum „Draufzahl“-Projekt. Blöd nur, dass einige von uns nach ca. 1 Jahr etwas vermissten. Ein paar von uns fehlten das gemeinsame Proben, Songs zu schreiben und natürlich die Konzerte. So entstand 2016 die Idee mit The NØ!. In einer abgespeckten Version, ohne Bläser, wollten wir, mit viel mehr Punk-Rock, das Song Repertoire von No Life Lost auf die Bühne bringen. Auch war uns sofort klar, was wir bei dieser Band anders machen wollen: Weniger Stress, nur Konzerte auf die wir auch Lust haben, wichtiger als Gage waren uns stressfreie Anfahrten (auch mal mit der Bahn) und entspannte Übernachtungsmöglichkeiten. Hat auch fast alles so geklappt
Frontstage Magazine: Wenn ihr auf „UNERHØRT – Ihre schönsten Songs bis jetzt“ als Gesamtwerk blickt: Was sagt dieses Album über den aktuellen Stand der Band aus – und wohin könnte sich euer Sound in Zukunft noch entwickeln?
The NØ: Nach der Vorgeschichte No Life Lost ist UNERHØRT das erste Kapitel von vielen bei The NØ!. Wir haben jetzt schon wieder reichlich Material für das nächste Album. Auch Sound- & Stiltechnisch mit einigen Überraschungen. Aber erst einmal erscheint im Sommer noch das Video (und 7“ Single ) zu „Golfplatzhooligans“. Der Song für alle, die etwas besseres in diesem Sommer zu tun haben, als schlechten Fußball im Fernsehen zu schauen.
Fotocredit: Albumcover / Artwork