Mit ihrer neuen Single „All Alone“ schlagen Poledance ein neues, intensives Kapitel auf – eines, das zwischen Verlustangst, emotionaler Abhängigkeit und dem Mut zur Ehrlichkeit oszilliert. Die Berliner Band verbindet in ihrem modernen Emo-Pop-Rock eingängige Hooks mit einer spürbaren Verletzlichkeit und schafft damit einen Sound, der gleichermaßen für intime Kopfhörermomente wie für große Bühnen gemacht ist.
Musikalisch bewegt sich „All Alone“ irgendwo zwischen der emotionalen Dringlichkeit von Fall Out Boy, der atmosphärischen Weite von The Band Camino und dem Pathos klassischer 80er-Rock-Produktionen. Treibende Beats, schimmernde Gitarrenflächen und ein eindringlicher Chorus tragen einen Song, der die nackte Angst vor dem Verlust eines geliebten Menschen in einen großen, zugänglichen Pop-Moment übersetzt.
Was als Soloprojekt von Sänger Daniel Pfeiffer begann, hat sich längst zu einer eingeschworenen Band entwickelt, die ihren Sound seit dem Debütalbum „Circus“ konsequent weitergedacht und zuletzt mit der EP „Jaded“ geschärft hat. Im Interview sprechen Poledance über die persönliche Entstehungsgeschichte von „All Alone“, den Wandel vom Solo- zum Bandprojekt, ihre Faszination für 80s-Ästhetik – und darüber, warum für sie gilt: No Bühne, no Band.
Frontstage Magazine: Eure neue Single „All Alone“ dreht sich um Verlustangst und emotionale Abhängigkeit. Gab es einen konkreten Moment oder eine persönliche Erfahrung, die den Song ausgelöst hat – oder war es eher ein schleichender Prozess?
Daniel Pfeiffer/Poledance: Es gab ein bestimmtes Gespräch, in dem es um Erwartungen und Bedürfnisse ging und aus dem sich relativ plötzlich ergab, dass die einzige Lösung eine Trennung ist. Ich saß da und habe gemerkt, wie alle meine Schutzmauern, die ich sonst so habe, versagten. Meistens versuche ich solche Situationen im Kopf zu ordnen, fast schon analytisch, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Am Ende blieb dann aber einfach nur die nackte Angst vor der Leere, wenn man gerade kurz davor steht, einen seiner wichtigsten Menschen zu verlieren. All Alone beschreibt genau dieses dumpfe Gefühl.
Frontstage Magazine: Daniel, du hast Poledance ursprünglich als Soloprojekt gestartet. Wie hat sich dein Songwriting seit der Entwicklung zur vollständigen Band verändert, sowohl emotional als auch musikalisch?
Daniel Pfeiffer/Poledance: Am Entstehungsprozess selbst hat sich gar nicht so viel geändert. Wenn ich gerade etwas Zeit habe, dann setzte ich mich hin und probiere einfach aus und mit ein wenig Glück entsteht ein Riff, eine Melodie oder eine Chord-Progression, die cool klingt. Und wenn dann noch mehr Zeit ist, dann entsteht daraus meistens auch eine ganze Struktur. Am Ende ist dann da eine Demo, die man schon als Song definieren könnte. Was sich verändert hat, ist, dass wir auf mehr Ressourcen zurückgreifen können. Ich schicke die erste Demo an die Jungs und jeder packt etwas dazu oder nimmt etwas weg und interpretiert auf seine ganz eigene Art und Weise. So kommen wir zu einem Sammelsurium an Ideen und können aussuchen, was uns gefällt und was nicht. Außerdem bringt jeder so seine ganz eigene musikalische Note in den Song, was das Gefühl: „Hey, wir sind ne Band und schreiben zusammen” pusht und auch die emotionale Verbundenheit stärkt.
Frontstage Magazine: In eurem Sound hört man moderne Pop-Produktion, aber auch starke 80s-Einflüsse. Was fasziniert euch an dieser Ästhetik und wie bewusst integriert ihr diese Elemente in eure Songs?
Daniel Pfeiffer/Poledance: Wenn wir als Band in einer Runde sitzen würden, dann wären jetzt wahrscheinlich alle Finger auf Alex gerichtet. Es gibt diese halbe Stunde, manchmal auch mehr (wenn Leute zu spät kommen – sorry Chris (lacht)), in der alle ankommen, ihren Stuff aufbauen und checken, ob alles funktioniert. Irgendwann ging es los, dass Alex nerdy und crazy Riffs gespielt hat, bei denen plötzlich alle die Münder aufgerissen haben. Das ganze gepaart mit einem verzerrten und halligen Sound. Irgendwie war ab dem Moment klar, dass wir diesen Skill mehr nutzen wollen. Beim Schreiben der neuen Songs war dann immer klar, dass Alex sein Ding machen soll und so sind wir langsam zu dem Sound gekommen, der bei den neuen Songs sehr dominiert. Was uns daran fasziniert ist nicht so leicht zu beantworten, ich glaube aber, dass ein Aspekt ist, dass es so “groß” klingt. Außerdem kann wirklich niemand einer verzerrten Solo-Gitarre widerstehen.
Frontstage Magazine: Seit eurem Debütalbum „Circus“ und der EP „Jaded“ scheint ihr euren Sound konsequent weiterentwickelt zu haben. Was habt ihr über euch selbst als Band in dieser Zeit gelernt?
Daniel Pfeiffer/Poledance: Das Wichtigste ist, dass wir niemand sein können, der wir nicht sind. Das Thema Authentizität überwiegt fast immer. Wenn sich jemand zu stark verbiegen müsste, dann würden wir als Gruppe nicht funktionieren. Hinzu kommt, dass Songs auf der Bühne Spaß machen sollen. Meistens hat man da schon ein ziemlich gutes Gefühl, ob das passiert oder nicht, wenn man Demos zeigt und plötzlich alle anfangen mit dem Kopf zu bouncen.
Frontstage Magazine: Ihr habt bereits Shows mit internationalen Acts gespielt und euch eine starke Live-Reputation aufgebaut. Wie wichtig ist euch die Bühne als emotionaler Raum im Vergleich zur Studioarbeit?
Daniel Pfeiffer/Poledance: Long story short – Für uns gilt: No Bühne, no Band. Mittlerweile kann jede Person relativ einfach, hochwertig klingende Musik produzieren und sie auf den Streaming-Plattformen und Social Media veröffentlichen. Die Sache dabei ist, dass man nur digital stattfindet und es keinen physischen Beweis für die eigene künstlerische Existenz gibt. Wahrscheinlich hat das mit den eigenen Identität schaffenden Momenten des Lebens zu tun. Die meisten von uns wurden in kleinen, heißen und versifften Schuppen und Clubs sozialisiert. Dort hat sich verfestigt, was es für uns bedeutet, in einer Band zu sein. Wir haben tausende Kilometer auf der Autobahn verbracht, damit wir Abends das Konzert unserer Lieblingsband sehen können. Das ist der eine Punkt – die Selbstwahrnehmung und die Vorstellung davon, was es für uns bedeutet, ein Band zu sein. Ein weiterer Punkt ist das gemeinsame Erlebnis bei einem Live-Konzert. Man begibt sich in einen Energieaustausch mit allen Anwesenden im Raum und erschafft ein einmaliges und im besten Falle bleibendes Erlebnis. Es geht um gemeinsames Loslassen, Tanzen, Freiheit, Gefühle und geteilte Hingabe – da ist das Netz leider keine Alternative.
Frontstage Magazine: All Alone“ wirkt gleichzeitig verletzlich und sehr eingängig. Wie findet ihr die Balance zwischen emotionaler Ehrlichkeit und dem Anspruch, große, zugängliche Pop-Momente zu schaffen?„
Daniel Pfeiffer/Poledance: Um ehrlich zu sein, steckt da mehr Intuition als Berechenbarkeit dahinter. Das hat damit zu tun, wie die Songs entstehen. Alles startet mit einer kleinen Idee, die sich Stück für Stück zu einer ganzen Songstruktur entwickelt. Wenn dann soweit erstmal alles steht, gehe ich in unser Studio und freestyle irgendein unverständliches Gebrabbel über den Song. Meistens kommt es dann dazu, dass ein paar Zeilen dabei entstehen, die als Aufhänger für das Thema des Songs dienen. Dann muss man natürlich entscheiden, ob das Instrumental zum Thema der Lyrics passt. Bei “All Alone” hatte ich nach so einer Session fast den kompletten Chorus und mir war direkt schon klar, dass der Song “All Alone” heißen würde. Mittlerweile verlasse ich mich einfach auf diesen Prozess und vertraue meinem Unterbewusstsein, dass es mitarbeitet.
Frontstage Magazine: hr veröffentlicht „All Alone“ selbst. Welche Freiheiten, aber auch Herausforderungen bringt der unabhängige Release für euch mit sich – und wie blickt ihr auf die nächsten Schritte als Band?
Daniel Pfeiffer/Poledance: Der große Vorteil ist, dass wir in unserem Tempo arbeiten können und unabhängig von den Zeitplänen und Kapazitäten externer Leute sind, die normalerweise an einem Release beteiligt wären. Gleichzeitig muss man aber auch auf dem Schirm haben, dass die vielen kleinen Arbeitsschritte, die zuvor jemand anders getan hat, nun selbst zu tun sind. Das ist zum einen herausfordernd und ziemlich kräftezehrend. Zum anderen hat man ständig Angst, irgendwas zu vergessen oder falsch zu machen. Wir haben gemerkt, dass man einen ziemlichen Pragmatismus an den Tag legen muss, um sich nicht in Details zu verlieren. Das ist bei einem emotionalen Thema wie den eigenen Songs allerdings oft nicht so einfach. Und dann ist da natürlich noch der finanzielle Aspekt. Musik zu veröffentlichen kostet echt viel Kohle.

Foto: Melina Thomassen
Titelbild: Max Cramer