FJØRT machen mit „belle époque“ den nächsten Schritt zur Konsensband. Und das ist ausdrücklich positiv gemeint. Nicht, weil sie plötzlich everybody’s darling wären. Sondern weil sie es schaffen, eine Platte zu schreiben, die in ihrer Radikalität anschlussfähig ist. Keine musikalischen oder textlichen Kompromisse – aber eine Klarheit, die so viele Menschen abholt wie nie zuvor. In diesen düsteren Zeiten wird jeder Mensch mit Restseele innerhalb dieser elf Songs mindestens einen Identifikationsmoment finden. Vielleicht sogar mehrere.
Schon der Opener „messer“ (wenn man die Chronologie der Singles kurz beiseitelässt) ist kein Einstieg, sondern ein Frontalangriff. Ein Schlag in die Magengrube einer saturierten Gesellschaft, die sich zwischen Empörung und Ohnmacht eingerichtet hat. „Ich sammle die Gewalt, bis sie mich killt“ – das ist kein Pathos, das ist Zustandsbeschreibung. Und tatsächlich fühle ich mich in meinen Gedanken ertappt, die ich heute hatte, als ich durch die Meldungen der Socials auf dem Handy scrollte (Warum lösche ich die Scheiße eigentlich nicht einfach?). „messer“ steigert sich musikalisch brachial und entlässt mit andächtigen Klavierklängen. Kein eindeutiges Bild, aber eine eindeutige Richtung.
Die gesellschaftliche Sezierung schreitet in „Hertz“ fort und schon wieder fühle ich mich ertappt. „Für mich ist es das schönste wenn der Regen nicht fällt“ als zentrales Mantra. Während draußen alles brennt, bleibt es für mich „…trocken, wenn ich nach hause geh.“ – selten waren FJØRT für mich so eindeutig wie zum Einstieg ihrer neuen Platte.
Mit „’43“ liefern sie einen weiteren zentralen Moment des Albums. Die erste Minute balladesk, gefolgt von Entladung. Wenn Chris Hell schreit: „Wir haben gemordet, gebrandschatzt, geschändet, erdrosselt – wir sind dazu fähig“, dann ist das ein Spiegel. „Wir leben in Hakenkreuzzeiten“ – ein Satz, der mehr ist als eine schnöde Warnung aus der man sich nur allzu gerne herausstehlen möchte. Doch FJØRT benennen Mechanismen. „Weil wir Menschen schaltbar sind“ ist womöglich der wichtigste Satz dieser Platte – und leider auch der wahrste. In diesem Zusammenhang möchte ich auch gerne noch auf das dazugehörige Musikvideo verweisen, in welchem Schauspieler Kai Schumann eine grandiose Performance abliefert und welches man sich unbedingt anschauen sollte, wenn man das aktuelle FJØRT-Album und seine Stimmung durchdringen möchte.
Musikalisch bleiben FJØRT auch auf „belle époque“ ihr eigener Maßstab. Kompositionen wie Theaterstücke, Szenenwechsel, Spannungsbögen. „kalie“ vereint Post-Hardcore mit melodischen Punkansätzen, der bei einem softeren Gesang auch als Muff Potter Nummer durchgehen könnte. „mir“ hätte einem auch im Adam Angst Kontext begegnen können und „Rott“ kippt die Wut in Klarheit: „Niemals, Ihr Wichser!“ – selten klang ein Nein so notwendig.
Und dann ist da „yin“. Fast untypisch für FJØRT, weil hier kein brachialer Ausbruch wartet, sondern bedrohliche Ruhe. Chris Hell beschreibt „yin“ als das empfangende, passive Prinzip – als Offenlegen der eigenen Schwäche. Und genau darin liegt die eigentliche Radikalität dieses Albums: Es ist nicht nur Anklage, es ist auch Selbstprüfung. Inmitten all der Giftigkeit – „Alles in diesen Songs ist giftig“ – blitzt hier ein schmaler Lichtstreifen auf. Nicht als Trost, sondern als Möglichkeit.
Das die Band schon immer fantastisch war steht außer Frage, aber „belle époque“ fühlt sich tatsächlich nochmal größer an, als alles von FJØRT zuvor. Eine Dreiviertelstunde permanenter Druck, der einem keine Zeit zum durchatmen lässt. Ich möchte den Vorgängeralben ihre Qualität nicht absprechen, aber die präzise Klarheit von „belle époque“ hat es wohlmöglich gebraucht um FJØRT auf ein neues Level zu heben.
Ab dem 11.03.26 ist die Band auf ihrer bisher größten Tour, das Konzert in Hamburg ist bereits ausverkauft. Alle Termine finden sich hier:
FJØRT – Live 2026
11.03. München, Technikum
12.03. Jena, Kassablanca
13.03. Wien, WuK
14.03. Leipzig, Werk 2
18.03. Berlin, Festsaal Kreuzberg
19.03. Wiesbaden, Schlachthof
20.03. Dortmund, FZW
21.03. Hamburg, Gruenspan (ausverkauft)
25.03. Bremen, Schlachthof
26.03. Hannover, Capitol
27.03. Stuttgart, Im Wizemann
28.03. Köln, E-Werk
24.04. Hagen, Stockrock
Hörer*innen, denen der reguläre Ticketpreis derzeit Schwierigkeiten bereitet, können sich per Mail unter für vergünstigte Tickets melden, pro Konzert gibt es ein limitiertes Kontingent.
Fotocredit: Holger Kochs