Im mittlerweile 14. Studioalbum SCHILLERs wagt Christopher von Deylen einen mutigen Schritt zurück nach vorn. Mit „Euphoria“ präsentiert der Künstler ein Werk, das sich bewusst von der zunehmenden Schwere der Gegenwart löst. Dass ein Album diesen Anspruch heute noch erheben darf, ohne ihn ironisch zu brechen, wirkt fast widerständig – und genau darin liegt seine Kraft.
Während frühere Veröffentlichungen wie „Zeitgeist“ oder „Opus“ unterschiedliche musikalische Welten erkundeten und dabei oft zwischen elektronischer Eleganz und orchestraler Opulenz pendelten, formt „Euphoria“ ein deutlich klarer umrissenes ästhetisches Zentrum. Wo SCHILLER in der Vergangenheit gelegentlich Gefahr lief, sich zwischen Ambient, Pop und großen Arrangements zu verlieren, findet dieses Werk eine neue Balance: Es ist elektronischer, druckvoller und näher an den Wurzeln der 90er-Jahre-Trancekultur, ohne nostalgisch zu wirken.
Tatsächlich gelingt von Deylen hier etwas, das an die goldenen Momente des Genres erinnert – an die atmosphärischen Weiten eines Paul van Dyk, die warm pulsierenden Harmonien von ATB oder die energiegeladene, melodische Klarheit von Cosmic Gate. Doch statt diese Einflüsse zu kopieren, nutzt SCHILLER sie wie Fixsterne, um seine eigene Klangsprache neu zu justieren. Das Ergebnis ist ein Album, das vertraut klingt, aber gleichzeitig eine ungeahnte Frische besitzt.
Im Vergleich zu früheren, eher introspektiven Arbeiten wie die sich stark über Zusammenarbeit, akustische Elemente oder orchestrale Konzepte definierten, zeigt „Euphoria“ eine Rückbesinnung auf das unmittelbare Gefühl: breite Synthflächen, konsequent fließende Arrangements und ein Sounddesign, das mehr Körperlichkeit und weniger konzeptuelle Distanz zulässt. Es entsteht ein durchgehender Spannungsbogen, der nicht erklärt, sondern erleben lässt — ein Ansatz, der insbesondere jenen imponieren wird, die sich seit Jahren nach einem konsequent elektronischen SCHILLER-Album sehnen.
Besonders bemerkenswert ist, wie stark das Werk von internationalen Einflüssen geprägt ist. Ob Begegnungen auf Tour, kulturelle Erfahrungen oder Kollaborationen mit ukrainischen und japanischen Künstler*innen – all diese Elemente werden nicht als Effekte eingesetzt, sondern als Perspektiven. Die Produktion bleibt dabei stets erkennbar SCHILLER: warm, weit, schimmernd – aber nie selbstverliebt. Und genau diese Zurückhaltung macht das Album so zugänglich.
Natürlich bleibt „Euphoria“ nicht ohne Vergleich zu älteren Veröffentlichungen. SCHILLER wählt nicht den Weg der maximalen Überwältigung, sondern den der fließenden, organischen Energie – ein Ansatz, der zeigt, wie sehr sich der Künstler in über 25 Jahren weiterentwickelt hat und wie bewusst er die elektronische Tradition liest, aus der er selbst einst hervorging.
Am Ende ist „Euphoria“ ein Album, das einlädt, sich fallen zu lassen – in Licht, in Rhythmus, in einen Zustand, der selten geworden ist und doch so elementar bleibt: das Gefühl, dass Musik uns nicht nur begleitet, sondern trägt. Mit diesem Werk beweist SCHILLER, dass elektronische Musik auch 2026 noch Raum für Aufrichtigkeit, Weite und echte Empfindung schaffen kann. Ein beeindruckendes Kapitel in einer ohnehin bemerkenswerten Karriere.
Termine:
09.05.2026 Leipzig, QUARTERBACK Immobilien ARENA
10.05.2026 Oberhausen, Rudolf Weber-ARENA
11.05.2026 Stuttgart, Porsche Arena
12.05.2026 Köln, LANXESS arena
14.05.2026 Frankfurt am Main, Jahrhunderthalle Frankfurt
15.05.2026 Hamburg, Barclays Arena
16.05.2026 Berlin, Uber Arena
Fotocredit: Albumcover / Artwork