Ich sag’s direkt: jule hat mich bekommen. Wieder. Schon ihre 2024er EP „Im Regio weinen“ hatte ich weit oben in meiner Jahresbestenliste – so weit oben, dass die Erwartungshaltung an ein Debütalbum eigentlich nur scheitern konnte. Und doch passiert hier das Gegenteil: Jule liefert nicht nur ab, sie wächst über sich hinaus.
jule 2025 klingt immer noch ein bisschen wie NichtSeattle in einfacher Sprache – und das ist durchweg positiv gemeint. Emo mit Gitarre, ehrlich, direkt, ohne unnötige Schnörkel. Klare Worte über Liebeskummer, Alltagsstress, Selbstzweifel. Zwischen „Ich schaff das“ und „ich weiß grad gar nichts mehr“. Dass das Ganze auf Zeitstrafe erscheint, lässt ohnehin erahnen, wohin die Reise geht. Und ein weiteres dickes Plus: Kein einziges Recyceln der starken EP-Tracks. Das ist mutig und zeigt Selbstbewusstsein. jule glaubt an ihr neues Material – und zu Recht, denn es trägt.
„Es ist nie zu spät für Frühstück“ klingt wie der Satz, den man zu selten gesagt bekommt. Warum genau dieser Album-Titel, lässt sich vortrefflich philosophieren. Ist es Lebensphilosophie? Gilt Frühstück als Reset-Taste? Oder klingt der Satz einfach so schön? Auf jeden Fall ist es ein Album, das tröstet, begleitet und an den richtigen Stellen drückt.
Der Opener „Anders gewollt“ klingt erstmal ganz anders als man jule so im Gedächtnis hatte. Der Track beginnt zart und melancholisch, ganz so, wie man Jule kennengelernt hat. Aber dann: Ein Ausbruch, der nicht nur überrascht, sondern richtig kickt. Krachende, trotzdem catchy E-Gitarren fegen durch den Schluss – das klingt nach Aufbegehren, nach „Ich kann leise, aber ich muss nicht.“ Auch „schwer“ zeigt diese erweiterte Handschrift. Schrammelgitarren, die sich um ein hymnisches Hook legen. jule beweist hier, dass sie nicht nur intime Skizzen schreiben kann, sondern richtige Indie-Hits.
Mit „Heute Abend“ bekommt man dann einen ersten erwartbaren Track. Leise, zurückhaltend und voller Zeilen die einem aus Herz und Seele sprechen – zu viele um hier auch nur ein passendes Zitat zu wählen. Weiter geht es mit „Irgendwas mit Widerholung“ einem absoluten Keytrack der Platte. Nicht nur wegen dem grandiosen Feature von Hannes Wittmer.
„Meine Schuld / Deine Schuld“ zeigt, dass jule auch Punk kann. Ein klarer, direkter, krachiger Song, aber so sauber abgemischt, dass jede Zeile sitzt. Und das ist notwendig: jule lebt von Texten, die man verstehen muss, weil sie die halbe Wucht ausmachen. „Du bleibst“ dreht das Thema toxische Beziehungen einmal komplett um die eigene Achse. Nicht das klassische „Du hast mich verletzt“, sondern die ehrliche Frage: Was, wenn ich das Problem bin? Das Arschloch? Selten hat jemand den unangenehmsten Spiegel so mutig in die eigene Richtung gehalten.
„An der Bar“, bereits bekannt aus der Vorabveröffentlichung, ist eine wunderbar alltägliche Szene: ein ungebetener Gast, ein zu enger Raum, eine Grenze, die überschritten wird. Musikalisch erinnert das Ganze mit seinen schroffen Gitarren fast an Tigeryouth – und siehe da: Beim nächsten Track bestätigt sich das. Denn in „Wut“ taucht Tillmann von Tigeryouth als Feature auf – und das passt perfekt. Der Song ist ein Ventil, ein Kanal, durch den angestaute Emotionen einmal ungefiltert rausmüssen. Ein krachender Punk-Banger, der zeigt, wie vielseitig jule mittlerweile geworden ist. Am Ende steht mit „Beruhig dich, du stirbst nicht“ eine musikalische Umarmung. Ein Song, der dir kurz über den Kopf streicht und sagt: „Es wird nicht sofort gut – aber du schaffst das.“
Zum Schluss bleibt zu sagen: Mit einem Release am 12. Dezember begeht jule vielleicht den einzigen strategischen Fehler dieses ganzen Albums. So spät im Jahr rauszukommen bedeutet, in so gut wie keinem Jahresranking aufzutauchen – obwohl „Es ist nie zu spät für Frühstück“ das Zeug dazu hätte, überall unter den Top 10 zu landen. Aber vielleicht passt genau das zu ihr. Denn dieses Album braucht keine großen Kampagnen. Möglicherweise ist es die natürlichste Konsequenz eines Albums, das nicht laut sein will, um gehört zu werden. jule macht einfach ihr Ding. Und manchmal reicht das völlig aus, um eines der besten Debüts des Jahres abzuliefern.
Fotocredit: Alexander Schliephake