Mit ihrer neuen Single „Halt dein Maul“ treffen The Toten Crackhuren im Kofferraum – oder kurz The TCHIK – mitten ins Schwarze. Zwischen Wut, Witz und feministischer Schlagkraft formuliert die Band eine Botschaft, die längst überfällig ist: Es reicht. Es ist Zeit zuzuhören. Zum Release der Single heute am 24. Oktober 2025 haben wir mit Mareen und Ilay über die Entstehung des Songs, gesellschaftliche Besserwisser und die Kunst gesprochen, Haltung mit Humor zu verbinden. Ein Gespräch über Mansplaining, Falschinformationen, mentale Grenzen – und darüber, warum „Halt dein Maul“ mehr ist als nur ein Songtitel.
Frontstage Magazine: Mit „Halt dein Maul“ sprecht ihr vielen aus der Seele. Wie kam es zu der Idee, das ewige Besserwissertum – besonders von sogenannten „Männers“ – so direkt musikalisch zu thematisieren?
The TCHIK: Das Lied haben wir im Rahmen eines Theaterprojektes geschrieben. Dort haben wir die Zauberflöte von Mozart antipatriarchal interpretiert. Vorlage für den Song war das Libretto “Hm Hm Hm” von Emanuel Schikaneder. In dem Libretto geht es darum, dass dem Vogelfänger Papageno ein Schloss an den Mund gezaubert wird, damit er endlich mal sein süßes Schnäuzchen hält. “Halt dein Maul” ist eine Art Zauberspruch, auch wenn wir leider nicht zaubern können und ab und an wirkt er auch. Diesen Zauberspruch kennen wir natürlich schon lange, aber haben ihn uns in unserer fast 19-jährigen “Karriere” viel zu selten getraut auszusprechen und viele Stunden, Tage oder wahrscheinlich eher Wochen, wir damit verbracht haben, uns Dinge erklären zu lassen, die wir schon kannten, wussten, uns nichts gebracht haben oder auch einfach falsch waren und bei denen es nicht um den reinen Informationsaustausch ging, sondern schlicht und einfach ums “besser wissen”.
Frontstage Magazine: Euer Song ist laut, witzig und unbequem zugleich – genau das, was viele Debatten oft nicht sind. Wie wichtig ist euch Humor als Mittel, um gesellschaftliche Themen zugänglich, aber trotzdem treffsicher zu verarbeiten?
The TCHIK: Uns persönlich sehr wichtig. Es ist eine Art Comic Relief und wir brauchen das tatsächlich, um nicht komplett durchzudrehen. Oft sind wir aber auch einfach wütend, verzweifelt oder einfach traurig über Dinge, dass uns das mit dem Humor nehmen, sehr schwer fällt. Wir müssen da erst durch ein paar Täler durchwandern, um dann auch einen gewissen “Humor” zu finden. In erster Linie geht es uns nicht darum, es anderen humorvoll näherzubringen, sondern selbst für uns aufzuarbeiten und einen Umgang zu haben. Wir sehen bei uns nicht unbedingt einen Erziehungs- oder Lehrauftrag. Wenn es Menschen dadurch leichter fällt, das anzunehmen und anzugucken, freuen wir uns natürlich darüber.
Frontstage Magazine: Ihr beschreibt im Pressetext die „YouTube-Universität“ als Ort, an dem sich viele ihre Meinung zusammenklicken. Wie geht ihr persönlich mit dieser Welle aus Halbwissen, Mansplaining und Dauerkommentaren um?The TCHIK: Die Wahrheit wird ja nicht nur zusammengeklickt. Es wird sich eine Meinung aufgrund von Falschinformationen gebildet und die dann als die absolute Wahrheit gemansplained. Wir alle bilden eine Meinung u. a. durch das Internet, was ja absolut ok ist. Das Abhandenkommen von Kompetenzen, Informationen zu verarbeiten und korrekt einzuordnen, ist das Gruselige. Für uns heißt das dann RAUS AUS DEM INTERNET! Manchmal werden wir schon schwach und klicken uns in Kommentarfunktionen oder in Videos von irgendwelchen Internetcoaches, die von weiblicher und männlicher Energie labern und verliere komplett den Glauben. Manchmal haben wir die Energie, in solche Kommentare und Diskussionen zu gehen, aber es fühlt sich auch oft an, wie Perlen vor die Säue zu werfen, da viele Menschen an einem Austausch nicht interessiert sind, sondern nur provozieren. Aber was ist die Diskussionsgrundlage, wenn man nicht einmal auf der Ebene „alle Menschen sind gleich“ zusammenfindet? Wir müssen das sehr dosieren, um nicht zu verzweifeln und auch einfach Angst zu bekommen.
Frontstage Magazine: „Halt dein Maul“ ist mehr als ein Song – es ist fast schon ein kollektiver Aufschrei. Was wünscht ihr euch, dass Männer (und auch andere) nach dem Hören vielleicht endlich verstehen?
The TCHIK: Um es kurz zu machen: redet ihr mal lieber mit FLINTA statt über FLINTA (um jetzt nicht nur Frauen zu erwähnen) und beschäftigt euch auch mal mit Lebensrealitäten von anderen nicht privilegierten Menschen, um euch da ein Bild zu machen. Vielleicht lest ihr auch mal ein Buch über Liebe, Beziehung, Freundschaft und das Patriarchat, das nicht von einem Mann geschrieben wurde (Büchertipps geben wir gerne bei Interesse). Und vielleicht hört ihr erstmal zu, bevor ihr unbedingt was erklären müsst. Dieser Tipp ist aber auch universell und gilt für alle!
Den Track findet ihr hier.
The Tote Crackhuren im Kofferraum – „Forever“ Tour 2026
14.04. Frankfurt, Das Bett
15.04. München, Backstage
16.04. Freiburg, ArTik
17.04. Köln, Gebäude 9
18.04. Bremen, Tower
20.04. Leipzig, Werk 2
21.04. Nürnberg, Z-Bau
22.04. AT – Wien, Szene
25.04. Hamburg, Uebel & Gefährlich
02.05. Berlin, Festsaal Kreuzberg
Fotocredit: Peter van Heesen