Drei Jahre nach „Carvings“ bleibt die norwegische Songwriterin ihrem Ansatz treu – reduziert, intim, fast schon flüchtig. Und doch hat sich etwas verschoben. Dieses neue Werk wirkt offener, aber fragil wie eh und je.
Was sofort auffällt: Habels Stimme ist und bleibt das Zentrum. Klar, warm, verletzlich – wie etwas, das bewusst leise bleibt, weil es weiß, dass es nicht lauter sein muss. Und somit hat sie einen direkt mit dem fast schon zurückhaltenden Opener „Another High“ direkt in ihren musikalischen Bann gesogen. Musikalisch bewegt sich das Album zwischen zartem Folk, minimalistischem Songwriting und feinsten Impulsen, die sich erst beim genaueren Hinhören offenbaren. Und genau da beginnt die eigentliche Magie dieser Platte. Denn „Evergreen In Your Mind“ spielt nicht nur musikalisch mit Kontrasten, sondern auch konzeptionell: Traum und Realität greifen ineinander.
Die Songs entstanden nicht in sterilen Studios, sondern in echten Räumen – in Habels Zuhause, an einem Schulklavier, begleitet von Alltagsgeräuschen. Türen, Schritte, ein Klopfen hier, ein leises Rascheln dort. Dinge, die man normalerweise aus einer Produktion herausschneidet, werden hier Teil der Musik. Das Ergebnis ist ein Album, das sich anfühlt wie ein Ort.
Der Titeltrack „Evergreen In Your Mind“ bringt dieses Spannungsfeld besonders schön auf den Punkt. Zwischen Natursehnsucht und moderner Welt entsteht eine leise Zerrissenheit. Ähnlich funktioniert „Stand So Still“, das sich langsam entfaltet und dabei immer wieder die Frage stellt, ob Stillstand eigentlich Rückschritt oder vielleicht doch ein notwendiger Moment der Orientierung ist. Die Instrumentierung wirkt dabei faszinierend entrückt.
Mit „I’d Like To See It“ öffnet sich das Album dann noch einmal: Ukulele, Orgel, eine Leichtigkeit, die man so bei Habel noch nicht gehört hat. Über allem schwebt dabei eine Idee, die sich wie ein roter Faden durch die elf Songs zieht:
Die Hoffnung, dass irgendwo da draußen – oder vielleicht auch in uns selbst – etwas Wunderbares wartet.
Natürlich ist das kein Album für den schnellen Konsum. Es gibt keine offensichtlichen Hits, keine großen Ausbrüche. Wer hier sofortige Eingängigkeit sucht, wird enttäuscht werden. „Evergreen In Your Mind“ fordert Geduld – und belohnt sie. Ich schreibe oft von Musik die man sich erarbeiten muss, aber selten hat dieses Attribut so gut gepasst wie in diesem Fall.
Juni Habel gelingt es, eine Welt zu erschaffen, in der kleinste Details plötzlich groß klingen. Jede Note scheint ganz bewusst gesetzt zu sein. Die große Kunst dabei ist, dass dieses Album zu keinem Zeitpunkt überladen klingt. Eigentlich der perfekte Sundtrack für einen leisen Sonntagnachmittagsspaziergang – und das egal bei welchem Wetter.
Fotocredit: Malin Longva