Drei Jahre nach ihrem bislang kommerziell erfolgreichsten Album „A Kiss for the Whole World“ melden sich Enter Shikari überraschend und ohne jede Vorankündigung zurück – und genau diese Spontanität passt erstaunlich gut zur aktuellen Phase der Band. Mit „Lose Your Self“ steht plötzlich ein neues Werk im Raum, das weder durch Vorab-Singles noch durch klassische Promo vorbereitet wurde. Stattdessen entfaltet sich das Album als geschlossenes Gesamtwerk – roh, direkt und vollkommen auf sich selbst gestellt.
Musikalisch knüpfen Enter Shikari dabei spürbar an die Energie von „A Kiss for the Whole World“ an, treiben deren Ansätze jedoch konsequent weiter. Die Band bewegt sich erneut zwischen eingängigen, fast hymnischen Pop-Momenten und den für sie typischen, harten Ausbrüchen aus Gitarren, elektronischen Elementen und aggressiven Vocals. Diese Mischung wirkt vertraut, verliert aber nichts an Intensität – vielmehr entsteht der Eindruck, dass sich die Band stilistisch noch einmal freier bewegt als zuvor.
Im Vergleich zu ersten Werk „Take to the Skies“ (2027) wird deutlich, wie sehr sich Enter Shikari über die Jahre entwickelt haben. Während das Debüt noch stark von roher Post-Hardcore-Energie und Experimentierfreude geprägt war, zeigt sich die Band heute deutlich reflektierter im Songwriting und in der Struktur ihrer Alben. Gleichzeitig ist bemerkenswert, dass sie sich trotz dieser Entwicklung nie vollständig von ihren Wurzeln entfernt haben. Vielmehr gelingt es ihnen auf „Lose Your Self“, genau diese beiden Welten zusammenzuführen: die ungestüme Energie der Anfangstage und die ausgearbeitete, nahezu hymnische Klangsprache ihrer späteren Releases.
Auch im Kontext ihrer Diskografie wirkt das Album wie ein logischer nächster Schritt. Während einige der vergangenen Veröffentlichungen phasenweise stärker auf Zugänglichkeit und klare Hooks gesetzt haben, fühlt sich „Lose Your Self“ wieder etwas unberechenbarer an. Es ist weniger kalkuliert, weniger auf einzelne Highlights ausgerichtet – und genau darin liegt eine große Stärke. Das Album funktioniert als Gesamterlebnis, das sich kontinuierlich steigert und in seiner Dynamik fast wie ein musikalisches Feuerwerk wirkt.
Besonders hervorzuheben ist die Entscheidung, komplett auf Vorab-Singles zu verzichten. In einer Zeit, in der Releases oft fragmentiert und stark vorstrukturiert erscheinen, wirkt dieser Ansatz fast schon mutig. Enter Shikari konzentrieren sich hier ausschließlich auf die Musik selbst – ohne Erwartungsdruck, ohne klare Fokus-Tracks. Das Ergebnis ist ein Album, das sich entfaltet und Raum für eigene Interpretationen lässt ohne Druck von Fans & Kritikerinnen.
Wer „A Kiss for the Whole World“ mochte, wird in „Lose Your Self“ eine konsequente Weiterentwicklung finden. Gleichzeitig dürften auch langjährige Fans, die die Band seit „Take to the Skies“ begleiten, hier vieles wiederentdecken, was Enter Shikari einst ausgezeichnet hat. Nach fast zwei Jahrzehnten zeigt sich die Band so gefestigt wie selten zuvor – sich selbst treu bleibend und dennoch bereit, neue Wege zu gehen.
Unterm Strich ist „Lose Your Self“ kein radikaler Bruch, sondern vielmehr eine selbstbewusste Standortbestimmung. Ein Album, das zeigt, dass Enter Shikari auch nach all den Jahren noch wissen, wer sie sind – und vor allem, wohin sie wollen.
Hörempfelungen: „Find Out The Hard Way…“ & „Shipwrecked!“
Fotocredit: Albumcover / Artwork