Manchmal sind es genau diese Abende, bei denen man vorher nicht so genau weiß, was einen erwartet – und hinterher ziemlich genau weiß, warum man hingegangen ist. Der Auftritt von Love Ghost im Club Perle Linden in Hannover war genau so einer.
Die Location selbst setzt dabei schon den Ton: Wohnzimmeratmosphäre im wortwörtlichen Sinne. Drei Sofas am Rand, zwei Couchtische mitten im Raum, keine echte Bühne. Hier gibt es keine Distanz zwischen Band und Publikum – hier steht man sich quasi auf den Füßen. Dass der Sound dabei überraschend gut ist, wenn auch eher auf Zimmerlautstärke-Niveau, passt irgendwie ins Gesamtbild. Intim, nahbar, angenehm unaufgeregt. Love Ghost nutzen genau das. Statt große Rockstar-Gesten gibt es ein Set, das sich wie ein direktes Gespräch anfühlt – nur eben mit Gitarren.

Mit einem kurzen Intro und dem darauffolgenden „Fade Away“ startet die Band in einen erstaunlich breit angelegten Abend. 17 Songs, die sich einmal quer durch das Love-Ghost-Universum bewegen: Alternative Rock, Grunge, Industrial, Pop-Punk – alles darf rein, nichts wird ausgeschlossen. Genau wie auf Platte wirkt das live manchmal wie ein Puzzle aus vielen Einzelteilen, das sich aber immer wieder zu einem stimmigen Gesamtbild zusammensetzt.
Das Publikum zeigt sich wohlgesonnen, aber zurückhaltend. Typisches Gratis-Konzert eben. Die Leute sind da, nicken, wippen, genießen – aber die ganz große Eskalation bleibt aus. Selbst als im Zugabenteil lautstark ein „echter Mosher“ gefordert wird, verirren sich gerade mal vier Leute in den Pit. Einer davon: der Tourfotograf. Das sagt eigentlich alles.

Und trotzdem: Die Band zieht ihr Ding durch. Sympathisch, ungekünstelt und mit einer guten Handvoll Songs, die auch ohne Circle Pit funktionieren. Besonders stark wird es immer dann, wenn die Band ihre düstere Seite ausspielt. Tracks aus „Anarchy And Ashes“ wirken live nochmal direkter, roher, weniger kontrolliert. Und genau das steht ihnen gut. Gleichzeitig beweisen Love Ghost auch Humor und Mut zur Irritation – etwa mit ihrer deutschsprachigen Version von „Rock Me Amadeus“, die irgendwo zwischen Industrial-Düsternis und charmantem WTF-Moment pendelt.
Spannend ist auch die Dynamik im Raum selbst. Da das Konzert kostenlos ist, füllt sich der Laden nach und nach mit zufällig Vorbeikommenden. Menschen, die kurz stehen bleiben, dann doch bleiben, dann irgendwann Teil des Publikums werden. Es ist schwer zu sagen, wer gezielt wegen der Band da ist und wer einfach reingestolpert ist – aber genau das macht den Reiz dieses Abends aus. Die Crowd wächst organisch. Und das spricht für die Band.

Was zusätzlich Respekt verdient: Love Ghost sind aktuell auf einer klassischen „Ochsen-Tour“ unterwegs. Hannover heute, Warschau morgen, Dresden übermorgen. Ein Routing, das selbst Vielfahrer schlucken lässt. Und trotzdem nimmt sich die Band nach dem Gig Zeit. Fotos, Gespräche, Autogramme – alles wird mitgenommen. Keine Attitüde, kein Abwinken.
Am Ende bleibt ein Konzert, das vielleicht nicht durch Ekstase glänzt, dafür aber durch Nähe, Ehrlichkeit und eine Band, die ihren Job verinnerlicht hat.
Fotocredit: Marc Erdbrügger