Es gibt Momente in der Popkultur, da verschmelzen Melancholie und Euphorie zu etwas völlig Neuem, zu einem Sound, der gleichzeitig das Herz bricht und die Füße in Bewegung setzt. Genau in dieser faszinierenden Schnittmenge meldet sich die österreichische Indie-Sensation Siamese Elephants zurück. Nach über 10 Millionen Streams und dem Charterfolg ihres Debütalbums schlägt die Band um Alex Kriz, Areg Barseghian, Markus Schwarz und Omar Abdalla mit ihrer neuen EP „white flag“ (VÖ: 10.04.2026 via Millshake Records) ein Kapitel auf, das zwar dunkler getönt ist als gewohnt, aber gerade deshalb umso heller strahlt. Inspiriert vom experimentellen Puls der Berliner Bowie-Jahre und dem nervösen Vibe der Talking Heads, kanalisiert die Formation ihren Sound in eine mitreißende Form der „Dark Disco“. Das Ergebnis ist eine schimmernde Schattenwelt, die Retro-Ästhetik mit modernem Twist verbindet.
Siamese Elephants hissen die glitzernde weiße Fahne
Die thematische Klammer der EP bildet das Bild der weißen Fahne – hier jedoch nicht als Symbol der Kapitulation verstanden, sondern als bewusster Akt des Loslassens, um Raum für Neues zu schaffen. Dieser inhaltliche rote Faden zieht sich durch die fünf Tracks, die sich fließend zu einer dichten Atmosphäre verweben.
Den Auftakt macht „doomscroller, moodkiller“. Der Track beginnt mit einem funky Rhythmus und ruhigen Vocals, die eine wohlige Atmosphäre zum Fallenlassen kreieren. Es ist ein Song, der gekonnt zwischen Melancholie und Ironie balanciert, umgesetzt durch eine Retro-Synthesizer-Ästhetik, die trotz des ernsten Themas – dem Verlieren in der eigenen Timeline und Selbstkritik – frisch und positiv wirkt. Kontrastiert wird diese Stimmung direkt im Anschluss durch „discothèque“. Hier regiert eine treibende Post-Punk-Energie, gepaart mit Sprechgesang und minimalistischen, mechanischen Grooves. Man fühlt sich an eine Mischung aus LCD Soundsystem und IDLES erinnert, wenn der Nachtclub zum Zufluchtsort wird, an dessen Ende man jedoch weinend auf der Tanzfläche steht („I’m crying in the discothèque“). Der Song endet abrupt und leitet über zum Titeltrack.
„white flag“ selbst präsentiert sich als das sommerlich warme Herzstück der EP. Atmosphärische Retro-Klänge und ein absolut festivaltauglicher Indie-Sound im funky Instrumental laden sofort zum Tanzen ein. Hier harmonieren alle Instrumente und die Gesangsstimme perfekt, um eine wunderschöne Klanglandschaft zwischen Funk, Indie- und Electro-Pop zu erzeugen. Diese nostalgische Wirkung entfaltet sich auch in „sad song on the radio“. Mit lässigen Vocals, die stellenweise an Damon Albarn erinnern, und bittersüßen Synthesizern wird eine Autofahrt gegen Mitternacht zelebriert. Ein starker Song mit hohem Playlist-Potenzial, der Sehnsucht nach „Sad Disco“ weckt. Den Abschluss bildet schließlich „moving on“. Der finale Track beginnt mit warmen Synthesizern und einer klaren Stimmfarbe, gefolgt von einem verträumten, sommerlichen Refrain. Nach einem funky Instrumental-Part zum Ende hin entlässt die EP die Hörer:innen mit verträumten Retro-Vibes in die Nacht.
Fazit
Mit „white flag“ ist Siamese Elephants ein beeindruckendes Kunstwerk gelungen. Es ist die wohl politischste und gesellschaftskritischste Veröffentlichung ihrer bisherigen Diskografie, die den Wunsch nach Veränderung und Zusammenhalt formuliert, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben.
Siamese Elephants haben es geschafft, verspielte Synthesizer, treibende Rhythmen, funky Vibes, emotionale Lyrics und herausragenden Gesang in ein Retro-Gesamtkunstwerk zu verwandeln. Diese EP vereint alle Stärken der Band und liefert den perfekten Soundtrack für warme Sommernächte, sei es auf großen Festival-Bühnen oder in verschwitzten kleinen Clubs. Der nostalgische und doch originelle Sound beweist eindrucksvoll, welch immenses Potenzial in dieser Formation aus Österreich steckt. Von Siamese Elephants ist in Zukunft noch Großes zu erwarten – bis dahin tanzen wir weiter zu den warmen Klängen der Band.
Siamese Elephants Live 2026:
20.05.2026 – Berlin, Kulturhaus Insel
21.05.2026 – Würzburg, Cairo
22.05.2026 – München, Live/Evil
28.05.2026 – Wien Arena
Fotocredit: Albumcover / Artwork