Manchmal ist das Ende eines Kapitels nur die notwendige Tinte für eine weitaus spannendere Geschichte. Wer die Nürnberger Musikszene verfolgt, wird beim Namen hinter dem neuen Quartett Hi Mum unweigerlich auf die DNA von MAFFAI stoßen. Doch wer hier einen bloßen Aufguss erwartet, irrt gewaltig. Mit dem Einzug von Frontfrau Lilly Kletke hat die Band nicht nur ihre Besetzung, sondern auch ihre Seele neu kalibriert. Weg vom reinen Post-Punk-Erbe, hin zu einer tiefen Verbeugung vor den MTV-Heydays der 90er. „GHOSTWOOD“ (VÖ 27.03.2026) ist das Ergebnis einer Bandwerdung im Zeitraffer: Ende 2023 formiert, im Frühjahr 2024 die Vision geschärft und nun ein fertiges Debüt, das die perfekte Balance zwischen DIY-Attitüde, Slacker-Charme und glasklarem Pop-Appeal hält.
Ein Soundtagebuch zwischen Garage und Kinoleinwand
Der Einstieg in das Album gleicht einem Sprung ins kalte, aber verdammt erfrischende Wasser. „Cosplay“ prescht mit dominierenden Gitarren und einem Schlagzeug-Drive voran, der sofort klarmacht: Diese Band ist nicht hier, um vorsichtig anzuklopfen. Der griffige Alternative-Sound fließt nahtlos in „Joybite“ über, wo das dichte instrumentale Geflecht perfekt mit Lilly Kletkes Stimme kontrastiert – ein Track, den man förmlich in einem verschwitzten kleinen Club spüren kann. Mit der Vorab-Single „Caller ID“ taucht die Platte tiefer in verträumte Shoegaze-Gefilde ab, lädt zum Kopfnicken ein und beweist durch die dezent im Hintergrund gehaltenen Vocals ein feines Gespür für Atmosphäre. Diese wohlige Melancholie setzt sich in „Starstruck“ fort, das mit seinem sommerlichen Vibe und den nahtlosen Übergängen den Hörer immer tiefer in die Welt von Hi Mum zieht.
Dass die Band auch inhaltliche Schwere in Ästhetik verwandeln kann, zeigt das Shoegaze-Brett „Salem“, das Verlust und gescheiterte Rettungsversuche in eine dichte Wand aus Fuzz hüllt. Auch wenn „Heydaze“ der bewährten Formel treu bleibt, sorgt spätestens das mutige „Burn After Reading“ für den nötigen Bruch: Nur Akustikgitarre, Gesang und Vogelgezwitscher – ein puristischer Moment, der Lillys Talent isoliert glänzen lässt. Über das druckvolle „Headlights“ mit seinem überraschenden Spoken-Word-Teil und das fast meditative, warme Instrumental-Geflecht von „Rumours“ steuert das Album auf sein großes Finale zu. „Only Lovers Left Alive“ bündelt schließlich noch einmal alle Stärken von Hi Mum – die markante Stimme, das verträumte Instrumental und diese unwiderstehliche Laut-Leise-Dynamik -, bevor die Platte den Hörer mit einem plötzlichen, aber wohligen Nachhall entlässt.
Fazit
Mit „GHOSTWOOD“ haben Hi Mum ein beeindruckendes Statement gesetzt. Es ist ein detailverliebtes Werk, das trotz seiner nostalgischen Anleihen an Grunge und Indie-Film-Ästhetik nie altbacken wirkt. Bandmitglied Jan Kretschmer hat in Eigenregie einen Sound eingefangen, der organisch und druckvoll zugleich ist. Auch wenn die stilistische Treue zum Mid-Tempo und der dichten Fuzz-Wand kaum Pausen zulässt, ist gerade diese Konsequenz die größte Stärke der Band. Hi Mum liefern nicht nur Songs, sondern ein Gefühl – das Gefühl eines verregneten Sonntags, an dem man die besten Arthouse-Filme der 90er schaut. Ein erfrischendes, mutiges Debüt, das große Lust auf kommende Live-Shows und noch mehr Musik macht.
Fotocredit: Albumcover / Artwork