Wenn eine Band das Etikett „unberechenbar“ verdient hat, dann ist es das britische Quartett Don Broco. Seit ihrer Gründung im Jahr 2008 haben sich Rob Damiani, Simon Delaney, Tom Doyle und Matt Donnelly stetig gehäutet, Genregrenzen eingerissen und Metal mit Funk, Post-Hardcore und Elektronik kurzgeschlossen. Am 27. März 2026 schlagen sie über Fearless Records mit „Nightmare Tripping“ ein Kapitel auf, das so düster, schwer und gleichzeitig nuanciert wie nie zuvor wirkt. In erneuter Zusammenarbeit mit Dan Lancaster kanalisiert die Band das Gefühl einer instabilen Welt in ein Werk, das extreme Kontraste nicht nur zulässt, sondern regelrecht zelebriert. Es ist ein expansiver, furchtloser Befreiungsschlag, der die enorme Reichweite dieser neuen Ära schonungslos offenlegt.
Eine klangliche Achterbahnfahrt beginnt
Der Einstieg in das Album könnte kaum massiver ausfallen. „Cellophane“ bricht mit kurzen, abgehackten Gitarren-Riffs das Eis, bevor Schlagzeuger Matt Donnelly mit seiner markanten Stimme das Album endgültig eröffnet. Rob Damiani steigt kurz darauf mit einer Energie ein, die den klanglichen Kurswechsel der Band zementiert: Weg vom verspielten Pop, hin zu einem massiven Nu-Metal-Gewand. Besonders der aggressive Drum-and-Bass-Breakdown und der Kontrast zwischen paranoid geflüsterten Strophen und dem hochexplosiven Refrain machen den Track zu einem Live-Garanten, der die Zerbrechlichkeit der eigenen mentalen Stärke thematisiert.
Diese emotionale Wucht zieht sich durch das gesamte Werk. „Disappear“ überrascht als unvergesslicher Hybrid aus hypnotischen, tonalen Gesängen und herzschlagähnlichen Drums. Hier beweisen Damiani und Donnelly ihre stimmliche Wandelbarkeit, wenn sie zwischen zartem Flüstern und leidenschaftlicher Verzweiflung pendeln, während ein pulsierender Rhythmus das Gefühl einfängt, jemanden am Tiefpunkt verlassen zu müssen. Grooviger wird es bei „Somersaults“, das mit Hip-Hop-Vibes und Damianis Sprechgesang spielt, während Donnelly im Refrain für glasklare Melodien sorgt. Das Instrumental glänzt hier durch filigrane elektronische Details, die den treibenden Rhythmus perfekt stützen.
Der Titeltrack: Ein Meilenstein für die Band
Das unbestrittene Zentrum bildet der Titeltrack „Nightmare Tripping“ (feat. Nickelback). Chad Kroegers Weltklasse-Stimme verleiht dem Track eine ganz eigene Note, wobei die Zusammenarbeit so harmonisch wirkt, als gehörten die Gäste fest zum Line-up. Während Kroeger den Ohrwurm-Refrain trägt, hämmern Don Broco in den Strophen messerscharfe Shouts und technisch anspruchsvolle Riffs unters Volk, bevor eine fast greifbare Spannung in einem gewaltigen Knall entlädt – eine Vertonung der Grenze zwischen Traum und Realität. Ein wahrer Meilenstein für die britische Alt-Rock-Band!
Stimmliche Wandelbarkeit auf einem neuen Level
Die Dynamik bleibt auch in der zweiten Hälfte ungebrochen hoch. „Ghost In The Night“ beginnt atmosphärisch und baut einen dichten Klangteppich aus technisch versierten Gitarren und gefühlvollem Gesang auf. Der hymnenartige Refrain sorgt für Gänsehautmomente, während Robs Stimme hier besonders warm und umarmend klingt. Den totalen Kontrast dazu liefert das Feature mit Sam Carter (Architects) in „True Believers“. Es ist vermutlich der härteste Song der Bandgeschichte: Ein brachialer Metalcore-Brecher, in dem Damiani förmlich um sein Leben shoutet und Carter mit präzisen Growls für enorme Tiefe sorgt. Ein intensives Hörerlebnis, das erst durch Donnellys hypnotische Zwischenspiele kurzzeitig zum Atmen einlädt.
Im letzten Drittel zeigt die Band ihre Liebe zum Experiment. „Euphoria“ beginnt verträumt und mündet in einem tanzbaren Breakdown, der die Jagd nach dem einen, elektrisierenden Moment aus der eigenen Vergangenheit beschreibt. „Pacify Me“ nutzt existenzielle elektronische Elemente und Damianis hohen Gesang, nur um am Ende mit tiefen Growls ordentlich Härte reinzubringen. In „Swimming Pools“ flirtet die Band mit Stimmverzerrern und fast schon gerappten Passagen über einem hämmernden Instrumental, bevor „Hype Man“ als hochenergetische Ode an die Freundschaft fungiert. Der Track wechselt mühelos zwischen schwebenden Melodien und kehligen Schreien. Das Finale bildet schließlich „The Corner“, das mit atmosphärischen Klängen und einer dichten Soundlandschaft die Zuhörerschaft nach einer letzten harmonischen Kraftanstrengung beider Sänger langsam wieder in die Realität entlässt.
Fazit
Mit „Nightmare Tripping“ haben Don Broco ein beeindruckend reifes und abwechslungsreiches Gesamtkunstwerk geschaffen, das man nach dem letzten Ton am liebsten sofort wieder von vorne starten möchte. Jeder Track besitzt eine eigene Identität und doch fügt sich alles zu einem stimmigen Bild zusammen. Besonders der Mut zur neuen Härte und die perfekt integrierten Feature-Gäste machen diese Platte zu einem absoluten Highlight. Es ist ohne Zweifel das bisher stärkste Album der Bandgeschichte und ein heißer Anwärter auf den Titel „Album des Jahres“. Don Broco beweisen eindrucksvoll, dass sie in der obersten Liga der internationalen Rockszene spielen.
Fotocredit: Tom Pullen (Offizielles Pressebild)