Lange war er mit oberster Punkt auf meiner „Will-ich-unbedingt-mal-live-sehen-Liste“. Genau deswegen führte mich auch gestern Abend kein Weg an der Barclays Arena in Hamburg vorbei. Direkt zu Colson Baker. Oder sollte ich sagen Machine Gun Kelly? Stop. Mittlerweile ja nur noch mgk. Der Name so wandelbar wie auch das Genre welches er musikalisch bedient. Und ebenfalls der gestrige Abend in der Barclays Arena, der unter dem Tourtitel „Lost Americana“ stand, hat für reichlich Abwechslung gesorgt.
Doch bevor es Headliner Zeit war natürlich noch ein Voract. Die Bühne gehörte zuerst einmal der amerikanischen Singer-Songwriterin Julia Wolf. Mit eher ruhigeren, atmosphärischen Songs, die aber auch stets einen kleinen punkigen Hauch verströmten, eröffnete sie den Abend und hat damit einen spannenden Kontrast zum späteren Abriss gesetzt. Auf mich hat ihre Musik irgendwie beruhigend gewirkt was ganz sicher zum größten Teil an ihrer kraftvollen, angenehm tiefer Stimme lag und ebenso an ihrer unangestrengten Art zu performen. Ganz mühelos hat sie die Arena in ihren Bann gezogen. Statt einer reinen Aufwärm-Phase hat sie für einen eigenständigen, stimmungsvollen Auftakt gesorgt, der zwischen Nachdenklichkeit und Intensität gependelt ist und damit genau die richtige Grundlage war für das, was noch folgen sollte.
Dann wurde es laut. Und bunt. Und ziemlich energiegeladen. Und laut und sagte ich schon bunt? Als Machine Gun Kelly oder auch mgk die Bühne betreten hat, war die zuvor aufgebaute Spannung mit einem Schlag greifbar. Und eines kann man direkt vorwegnehmen: Spaß gemacht hat dieses Konzert allemal.
„outlaw overture“ Song Nummer eins performte der Künstler stehend und zwar im Mund einer riesigen Nachbildung der Freiheitsstatue, die vermutlich mgk selbst darstellen sollte. Denn in ihrer rechten Hand hielt sie eine Kippe. Wenn das nicht mal Beweis genug ist. Jedenfalls ein eindrückliches Bühnenbild, was natürlich auch später weiter zum Einsatz kam. Nachdem die ersten Zeilen und Takte soundtechnisch noch etwas dumpf klangen wurde blitzschnell nachgebessert und das gesamte Konzert konnte in astreinem Sound genossen werden. Druckvoll, klar, auf den Punkt. Jeder Beat saß, jede Gitarrenlinie schnitt präzise durch die Halle. Auch stimmlich lieferte mgk ab. Ob rotzige Rap-Passagen oder treibende Pop-Punk-Hymnen: Er traf die Töne, hielt die Energie hoch und bewies, dass er seine Songs nicht nur im Studio, sondern auch live im Griff hat.
Die Setlist war dabei ein Statement für sich: Ein abwechslungsreicher Mix aus brandneuen Songs und altbekannten Hits. Los ging’s mit druckvollen Nummern wie eben “outlaw overture” und “starman”, der ja ein Sample von Third Eye Blind’s Semi-Charmed Life ist und natürlich zum mitsingen animiert hat, gefolgt von energiegeladenen Momenten mit “dont wait run fast” und dem Mash-up aus “maybe / Wild Boy / El Diablo”, das die frühe Phase seiner Karriere feierte. Klassiker wie “title track”, “drunk face” und “bloody valentine” durften genauso wenig fehlen wie emotionale Titel wie “forget me too” oder das mitreißende “my ex’s best friend”. Spätere Highlights wie “papercuts”, “cliché”, “sweet coraline” und “vampire diaries” rundeten die Show ab und sorgten dafür, dass jede Stimmung im Publikum bedient wurde.
Fans der ersten Stunde kamen genauso auf ihre Kosten wie jene, die erst mit dem Genre-Wechsel dazugestoßen sind. Kaum war ein Song verklungen, folgte der nächste kollektive Mitsing-Moment. Die Arena verwandelte sich immer wieder in einen riesigen Chor – textsicher, laut, euphorisch.
Auch visuell war die Show eine runde Sache. Pyroeffekte, durchdachte Lichteinstellungen, Tänzerinnen klar gesetzte Höhepunkte: Das Konzept hinter der Inszenierung war deutlich erkennbar. Jeder Ablauf wirkte einstudiert, jedes Element hatte seinen Platz. Es war eine große, professionelle Produktion, die genau wusste, wann sie eskalieren und wann sie kurz durchatmen sollte.
Und doch, irgendwo zwischen all der Perfektion, blieb bei mir ein kleiner Knoten im Bauch.
Vielleicht war es genau diese makellose Inszenierung, die bei mir das Gefühl hinterlassen hat, dass hier alles sehr genau geplant war. Fast ein bisschen zu genau. Die Show lief wie ein Uhrwerk, ein Rädchen griff ins andere. Beeindruckend, keine Frage. Aber an manchen Stellen wirkte es für mich eher wie ein hervorragend ausgeführter Job als wie ein Abend, an dem mgk alles von sich preisgibt.
Mir haben hin und wieder die ganz großen, ungeschönten Emotionen gefehlt. Diese Momente, in denen man merkt: Hier passiert gerade etwas Unkontrolliertes, Echtes, vielleicht sogar Zerbrechliches. Stattdessen dominierte lange Zeit die routinierte Coolness. Souverän. Selbstbewusst. Funktionierend.
Wobei es beim Titel „play this when Iim gone“ doch persönlich und emotional wurde. Fans wissen, diesen Titel hat Colson Baker für seine, mittlerweile 16 Jahre alte, Tochter Casie Colson Baker geschrieben. Während er diesen Song live performte liefen auf den Screens Aufnahmen, die mgk in privaten Momenten mit seiner Tochter zeigte. Das war schon rührend. Sehr!
Fairerweise muss ich auch hinzufügen: Komplett gefehlt haben diese emotionalen Augenblicke generell dann doch nicht. In kleinen, beinahe unscheinbaren Momenten blitzte sie auf, diese ehrliche Freude darüber, auf der Bühne zu stehen. Ein kurzes, breites Grinsen nach einem besonders lauten Publikumschor. Ein dankbarer Blick in die Menge. Eine Sekunde, in der die Fassade bröckelte und man sah, dass dieser Abend nicht nur Programmpunkt auf einer Tourliste ist, sondern doch auch etwas bedeutet.
Und vielleicht ist es genau das, was dieses Konzert im Nachgang immer besser macht.
Denn während ich die Arena verließ und die letzten Gesprächsfetzen um mich herum aufgeschnappt habe: heisere Stimmen, begeisterte Rückblicke, Lieblingssong-Diskussionen habe ich gemerkt, wie sich mein eigener Eindruck sortierte. Die Show hatte Energie. Sie hatte Hits. Sie hatte Wucht. Und sie hatte diese klitzekleinen, fast versteckten Momente von Echtheit, die sich erst mit etwas Abstand richtig entfalten.
Es war kein Konzert, das mich emotional überwältigt oder komplett aus der Bahn geworfen hat. Aber es war eines, das funktioniert hat – musikalisch auf hohem Niveau, technisch beeindruckend, publikumsnah genug, um die Halle zum Beben zu bringen. Ein Abend, der unglaublich viel Spaß gemacht hat und der gezeigt hat, warum mgk inzwischen Arenen dieser Größe füllt.
Vielleicht hätte ich mir ein kleines Stück mehr Herz gewünscht, ein wenig weniger Choreografie im übertragenen Sinne. Doch am Ende bleibt vor allem das Gefühl, dass dieses Konzert ein wirklich gutes war und mgk ein Künstler ist, der vielleicht gerade erst angefangen hat und wir noch so einiges Mal von ihm überrascht werden können. Ich für meinen Teil freu mich sehr darauf!
Fotocredits: Universal Music