„Plattensammlung“ klingt wie der eingedeutschte Titel von Show Us Your Hits der Bloodhound Gang. Und tatsächlich: Humortechnisch und in Sachen Genre-Grenzüberschreitung liegen Bloodhound Gang und Uli Sailor gar nicht so weit auseinander. Der Unterschied? Während die einen mit Schenkelklopfer-Humor provozierten, hat der Klavier-Punk aus Berlin musikalisch vermutlich noch ein paar mehr Asse im Ärmel. Ab sofort auf „Besser Anders“ nachzuprüfen.
Klavier und Punkrock – das wirkt zunächst wie ein Widerspruch. Aber genau darin liegt der Reiz von „Besser Anders“. Uli Sailor, seit über 30 Jahren zwischen Punkkeller und Festivalbühne unterwegs (D-Sailors, Tusq, Terrorgruppe), beweist auf seinem ersten echten Piano-Soloalbum, dass Punk keine Frage des Instruments ist, sondern der Haltung.
Und Haltung hat dieses Album reichlich. Weit entfernt von weichgespültem Indie-Pop. Wer jetzt „Sellout“ ruft, sollte erst einmal zuhören. Die Texte sind klar Deutschpunk geblieben – aber ohne dumpfe Parolen. Themen wie digitale Entfremdung, Szene-Zynismus oder das Älterwerden im Punkkosmos werden klug und manchmal schmerzhaft ehrlich verhandelt.
Nie platt – sondern klug und gewachsen
„Der demagogische Wandel“ bekommt durch ein Gitarrensolo von Guido Donot (DONOTS) zusätzlichen Druck, während „Punkrocklebensberatungstermin“ schon im Titel zeigt, dass Uli Sailor sich seinen Humor bewahrt hat. Und genau dieser Humor ist es, der „Besser Anders“ so sympathisch macht: nie platt, nie dumm, nie kalauerhaft – sondern klug und gewachsen.
Und wenn man eine Nummer wie „Weißt Du Noch“ hört, dann ist das nicht nur verdammt melodisch, man bemerkt auch, dass ein PeterLicht gar nicht so weit weg vom Punk unterwegs war. Ohnehin kann PeterLicht als starke Referenz für Uli Sailor gelten, denn hier findet man nicht nur die Vermischung aus lakonischer Beobachtung und versteckter Melancholie, auch stimmlich hört sich das schon fast nach Zwillingsverwandtschaft an.
Produziert wurde „Besser Anders“ halb in Berlin von Thies Neu, halb in Köln von Tobias Röger (Wohlstandskinder, Slime, Udo Lindenberg). Und das hört man: Das Album klingt aufgeräumt und klar durchdacht. Cello-Parts von Patrick Reerink (GUTS PIE EARSHOT) geben den Songs eine zusätzliche Tiefe. In „Kiezblock“ – einer klaren Ansage gegen Gentrifizierung – wird es kollektiv: Chris Kotze (KOTZREIZ), Totze Trippi (BEATSTEAKS) und ein Chor aus Szene-Freund*innen sorgen dafür, dass aus dem Solo-Projekt ein Gemeinschaftsstatement wird.
Uli Sailor entdeckt nach Jahrzehnten im Bandkontext sein Instrument neu und vertont dies mit einem sehr gelungenen Solo-Album. Dabei muss man feststellen, dass der gute Herr mit diesem Vorgehen keineswegs leiser wird, aber eine gute Portion präziser.
ULI SAILOR – Live 2026
05.03. Dresden – Chemiefabrik
06.03. Kassel – Goldgrube
07.03. Karlsruhe – Alte Hackerei
11.03. München – Backstage
12.03. Wiesbaden – Kreativfabrik
13.03. Köln – Wohngemeinschaft
14.03. Hannover – Lux
15.03. Berlin – Badehaus
19.03. Hamburg – Nochtwache
20.03. Bremen – Eisen
21.03. Erfurt – Ilvers
Fotocredit: Markus Nass