Zehn Jahre, vier Alben und ein Titel, der aus der Reihe tanzt: Gute Laune – klingt nach Leichtigkeit, ist aber viel mehr als das. Sänger Matze Engst spricht über die Irritation hinter dem Albumtitel, Provokation als Kunstform und warum Musik manchmal mehr heilen als unterhalten kann. Ein Gespräch über Freiheit, Emotionen und warum es wichtiger ist, Brücken zu bauen statt Mauern.
Frontstage Magazine: Der Titel eures neuen Albums „Gute Laune“ irritiert erst mal. Wolltet ihr genau das? Und wenn jemand nur den Namen hört – wohin nehmt ihr ihn mit?
Matze Engst: Da steckt auf jeden Fall Ironie drin, klar. Aber es ist auch ein ehrlicher Titel. Wir haben auf der Platte wieder schwere Themen, sehr persönliche sogar. Gleichzeitig ist „Gute Laune“ der Zustand gewesen, in dem diese Platte entstanden ist.
Wir haben uns diesmal komplett frei gemacht von diesem ganzen Zerdenken. Bei früheren Alben war immer die Frage: Was ist der rote Faden? Gibt es ein Konzept? Welche Themen müssen rein? Davon haben wir uns diesmal bewusst verabschiedet. Back to the roots. Einfach machen. Singen über das, was uns in den letzten anderthalb Jahren beschäftigt hat – ohne dass alles zusammenpassen muss. Und genau deshalb ist das Album so vielschichtig. Für mich heißt Gute Laune nicht Party. Sondern Freiheit.
Frontstage Magazine: Diese Freiheit spiegelt sich auch im Artwork wider. Babyblaue Black-Metal-Schrift, du im Kleid, die anderen in Kutten. Was war euch daran wichtig?
Matze Engst: Das Artwork bricht Erwartungen. Allein diese Typo: harte Metal-Ästhetik, aber in Babyblau. Und dann ich im Kleid. Jeder hält irgendein Utensil in der Hand. Da steckt ganz bewusst Provokation drin. Wir leben in einer Zeit, in der sich Menschen extrem schnell Meinungen bilden, ohne nachzufragen. Viele sehen ein einzelnes Detail und interpretieren sofort eine ganze Geschichte rein, die vielleicht gar nicht existiert. Ich trage ein Kleid. Punkt. Eigentlich sollte das 2026 kein Thema mehr sein. Aber für manche ist es das eben doch – und genau damit spielen wir.
Punk darf provozieren. Und wenn Leute sagen: „Was soll das für eine Scheiße?“ und trotzdem reinhören, dann haben wir alles richtig gemacht. Das Schlimmste, was Kunst passieren kann, ist, dass jemand sagt: „Ist ganz nett.“ Ganz nett ist der Endgegner jeder Kunst.
Frontstage Magazine: Auf dem Album stehen Songs wie „Sag mir warum“, der extrem nah geht, und Stücke wie „Lied über Blumen“, die fast leise wirken. Wie schafft ihr diesen Spagat zwischen Verletzlichkeit und Energie?
Matze Engst: Weil alles sehr nah an unserer Lebensrealität ist. Wir schreiben alles selbst, und da steckt immer persönliche Geschichte drin. Auf diesem Album ist viel Rückblick auf zehn Jahre – aber auch sehr viel vom letzten Jahr. Ich schreibe viel nachts in meinem kleinen Home-Studio. Und mein größtes Learning war irgendwann: nicht zu viel nachdenken. Einfach machen. „Sag mir warum“ ist zum Beispiel ein Song, den ich eigentlich an mich selbst geschrieben habe. 2025 war das schlimmste Jahr meines Lebens. Mir ging es so schlecht wie noch nie. Ich wusste zeitweise nicht, ob ich 2026 erlebe.
Da kommt dann alles zusammen: Verlust, Angst, Rückblick, diese Frage, was bleibt, wenn man nicht mehr da ist. Und das ist brutal intim. Live merke ich das jedes Mal. In Berlin stand ich vor 1500 Leuten, habe eine Ansage gemacht – und mir liefen die Tränen. Aber das ist okay. Ich habe keine Angst davor, zu zeigen, was in mir los ist.
Frontstage Magazine: Das klingt nach Verarbeitung – vielleicht sogar nach Heilung?
Matze Engst: Absolut. Unsere Alben sind wie ein auditives Tagebuch. Musik hilft, Dinge rauszulassen – gute wie schlechte. Auf der letzten Tour war das extrem spürbar. Ich war oft emotional, aber nicht nur aus Traurigkeit. Eher aus dem Gefühl heraus: Krass, du stehst noch hier. Traurig sein gehört dazu. Weinen gehört dazu. Das hat nichts mit Schwäche zu tun. Musik ist für mich das beste Tool, um Emotionen rauszukitzeln – und loszuwerden.
Frontstage Magazine: Das erinnert mich an euren Tourabschluss letztes Jahr im Dezember in Münster. Die Luft hat gebrannt. Wie hast du diesen Abend erlebt?
Matze Engst: Das war völlig irre. Am Abend vorher Berlin: Freunde, Familie, maximale Emotion. Wir dachten ehrlich: Das kann Münster nicht toppen. Und dann diese Energie. Dazu kam: Ich hatte eigentlich keine Stimme mehr. Mittags wussten wir nicht, ob wir spielen können. Tourbus, Klimaanlage, Winter – Klassiker. Und dann gehst du auf die Bühne, Adrenalin kickt rein, und plötzlich ist sie da. Nach der Show habe ich mich zehn Minuten allein auf den Balkon gesetzt und einfach geheult. Da ist alles abgefallen. Für genau solche Momente machst du das.
Frontstage Magazine: Ihr feiert 10-jähriges Jubiläum und ganz bald schon das Release eures vierten Albums. Gibt es heute Dinge, die ihr euch früher nicht getraut hättet?
Matze Engst: Definitiv. Am Anfang haben wir viel auf andere gehört. Managements, Labels – alle hatten Meinungen. Das verunsichert natürlich. Heute machen wir das, worauf wir Bock haben. Unser Credo war immer: Wir sind nicht die Schublade, wir sind der Schrank. Und das leben wir jetzt komplett. Wir posten Ernstes, Politisches, Albernes – alles darf sein. Engst ist die erste Band, bei der ich privat unsere eigene Musik höre. Weil ich weiß: Das sind wir. Ohne Kompromisse.
Frontstage Magazine: Engst galten immer als klar politisch. „Gute Laune“ wirkt weniger parolenhaft als eure früheren Alben. Hat sich eure Haltung verändert?
Matze Engst: Die Haltung ist dieselbe – die Sprache hat sich verändert. Ich glaube, wir waren nie politischer als jetzt. Nur anders. „Lied über Blumen“ ist politisch, aber subtil. Da geht es um braunen Abschaum, um Patriarchat – nur eben nicht mit dem Holzhammer. Kunst ist politisch. Wer heute glaubt, unpolitisch sein zu können, macht sich mitschuldig. Der Zeiger steht auf fünf vor zwölf. Gleichzeitig wollen wir Brücken statt Mauern bauen. Dialog statt Spaltung. Menschen zusammenbringen – nicht nur Fronten verhärten. Das ist unser politisches Statement.
Frontstage Magazine: In „Großstadtprolet“ geht es um Dominanz und laute Männlichkeitsbilder. Aus welcher Motivation heraus kam dieser Song?
Matze Engst: Der ist aus Beobachtung entstanden – und aus Haltung. Ich bin nicht der klassische Typ: kein Führerschein, kein Fußball, kein Gym. Ich bin von starken Frauen sozialisiert worden, ohne klassische Rollenbilder. Und dann sitzt du in der Bahn, siehst diesen Typen: breitbeinig, Goldkette, Kippe im Zug. Ich bin ihm hinterhergefahren, weil ich wusste: Du wirst mein Song. Diese toxischen Männlichkeitsbilder sind überall – Social Media ballert das permanent rein. Und ich finde es wichtig, dass Männer sagen: Das ist Bullshit. Es geht auch anders.
Frontstage Magazine: Zum Schluss noch ein kleiner Blick nach vorn: Was wünscht ihr euch für die nächsten zehn Jahre?
Matze Engst: Dass wir das weitermachen dürfen. Klar, es darf gern größer werden. Aber vor allem wünsche ich mir, dass wir dankbar bleiben. Dass wir weiter auf Bühnen stehen dürfen, dass Menschen unsere Musik hören. Und wenn wir in zehn Jahren wieder hier sitzen und dasselbe Interview führen – mit drei neuen Alben – dann ist alles richtig gelaufen.
Frontstage Magazine: Weil Interviews nicht nur tiefgründig und schwer sein müssen, sondern auch mal ein bisschen Spaß und Irritation vertragen können, kommen jetzt drei kreative Wunderfragen. Ein bisschen Gedankenakrobatik zum Schluss quasi. Wenn „Gute Laune“ kein Albumtitel, sondern ein Zustand wäre, dann …
Matze Engst: … wäre das der Zustand, den ich seit 2026 habe.
Frontstage Magazine: Wenn du einen eurer Songs für einen Moment aus der Welt löschen müsstest, dann …
Matze Engst: … wäre das, als würde ich mir einen Zahn ziehen. Geht irgendwie – ist aber nicht geil.
Frontstage Magazine: Wenn Engst für einen Tag eine ganz normale WG wären, dann …
Matze Engst: … würde es Tote geben. Weil alle durcheinander reden, das Bier leer ist und keiner abspült. (lacht)
Frontstage Magazine: Für zehn Jahre Engst, für ein Album, das nicht gefallen will, sondern etwas auslöst und für eine Band, die Haltung zeigt, ohne den Zeigefinger zu heben. Danke, Matze, für dieses offene, ehrliche und besondere Gespräch – und auf die nächsten zehn!
Matze Engst: Danke ebenfalls. Es hat mir wirklich Spaß gemacht.
Fotocredit: Herr Wedding