Am Abend des 29. Januar 2026 bot die Oberhausener Turbinenhalle die Kulisse für ein Ereignis, das weit über ein gewöhnliches Konzert von Paleface Swiss hinausging. Auch wenn die Location nicht bis auf den letzten Platz gefüllt war, lag eine elektrische Spannung in der Luft, die durch die Präsenz des WDR Rockpalast zusätzlich befeuert wurde. Überall in der Halle positionierte Kameras und Kräne signalisierten: Diese Show wird für die Ewigkeit festgehalten. Schon beim pünktlichen Einlass um 18 Uhr drängten die ersten Fans nach vorn, beseelt von der Erwartung auf ein Line-up, das die Speerspitze der modernen harten Musik vereinte. Im Fokus des Interesses standen dabei die Schweizer Ausnahmeerscheinungen von Paleface Swiss, die sich in den letzten Jahren weltweit zu einer der intensivsten Live-Bands emporgearbeitet haben.
Static Dress: Post-Hardcore-Ästhetik aus Leeds
Pünktlich um 19:00 Uhr erloschen die Lichter und die britische Band Static Dress stürmte die Bühne. Mit dem Opener „face.“ bewiesen sie sofort, warum sie derzeit als eine der spannendsten Formationen des Post-Hardcore gelten. Sänger Olli Appleyard nutzte jeden Zentimeter der Bühne, während die messerscharfen Screams und die dichte Atmosphäre des Songs das Publikum in den Bann zogen. Der Track thematisiert eine beinahe traumartige Isolation und die Schwierigkeit, sich in einer oberflächlichen Welt zurechtzufinden – eine Tiefe, die man der Band in jeder Sekunde anmerkte. Während das Publikum bei „clean.“ die ersten Moshpits startete, sorgte „Courtney, Just Relax“ für kollektive Bewegung und den ersten großen Circlepit des Abends. Den krönenden Abschluss bildete „crying“, bei dem die Band die Fans erfolgreich dazu animierte, die ersten Crowdsurfer:innen in Richtung Bühnengraben zu schicken. Static Dress haben ihren Job als Support-Act mehr als erfüllt und sicherlich auch neue Hörer:innen für sich gewinnen können.
Stick To Your Guns: Eine Lektion in Leidenschaft
Um 19:50 Uhr betraten die Metalcore-Legenden Stick To Your Guns die Bühne der Turbinenhalle. Die Halle bebte bereits beim ersten Akkord von „Diamond“, einem Song über innere Stärke und den Prozess, unter Druck zu einer unzerstörbaren Einheit zu werden. Jesse Barnett agierte gewohnt charismatisch und forderte das Publikum immer wieder zu Höchstleistungen heraus. Ein besonderer Moment war die Performance von „Keep Planting Flowers“ vom gleichnamigen aktuellen Album. Der Song wirkt wie eine kraftvolle Hymne für mentale Gesundheit. Barnett betont darin, wie wichtig es ist, trotz aller Widrigkeiten weiter an das Gute zu glauben und „Blumen zu pflanzen“.
Die Dynamik erreichte bei „Such Pain“ und „Invisible Rain“ ihren Höhepunkt, als sich die erste gewaltige Wall of Death des Abends bildete. Besonders beeindruckend war die Textsicherheit der Fans bei den Klassikern „Amber“ und „Against Them All“, ehe die Band mit „Nobody“ ein Set beendete, das keinen Zweifel daran ließ, dass Stick To Your Guns eigentlich Headliner-Format besitzen. Mit lauten Sprechchören wurde die Band verabschiedet, während die Vorfreude auf den Hauptact fast greifbar wurde.

Paleface Swiss: Die neue Ära des Beatdown
Um 21:00 Uhr war es schließlich Zeit für den Headliner. Paleface Swiss starteten nach einem epischen Intro mit „I Am A Cursed One“, einem Track, der die düstere und aggressive Grundstimmung ihres aktuellen Schaffens perfekt einfängt. Begleitet von einer beeindruckenden Pyro-Show, die die Bühne in tiefes Rot tauchte, fegte Marc „Zelli“ Zellweger wie ein Tornado über die Bretter. Bei „Hatred“ gab es kein Halten mehr: Die gesamte Turbinenhalle verwandelte sich in einen einzigen Moshpit. Zelli betonte zwischen den Songs immer wieder die Bedeutung der Rockpalast-Aufzeichnung, was die Intensität im Moshpit nur noch weiter steigerte.
Ein emotionaler Wendepunkt war der Song „Everything Is Fine“ von der neuen EP The Wilted. Hier präsentierte Zelli seine beeindruckenden Clean-Vocals und gab dem Set eine unerwartete, zerbrechliche Tiefe, die das Thema Schmerz und Akzeptanz behandelte. Doch die Ruhe hielt nicht lange an: Bei „The Orphan“ – einem Song ohne klassische Struktur, der puren Chaos-Vibe versprüht – wurde das Ziel ausgegeben, den Crowdsurfing-Rekord zu brechen. Paleface Swiss sprangen mühelos zwischen den Genres, von Beatdown-Gewalt in „The Rats“ bis hin zu den Rap-Einflüssen in „Enough?“, einer Hymne gegen toxische Männlichkeit und Hass.
Ein absolutes Highlight war die Akustik-Version von „River Of Sorrows“, bei der die Fans ein beeindruckendes Lichtermeer aus Handytaschenlampen kreierten. Direkt im Anschluss folgte die Überraschung des Abends: Stick To Your Guns kehrten zurück auf die Bühne, um gemeinsam den neuen Kollaborations-Track „Instrument Of War“ zu performen. Der Song, inspiriert von einem Picasso-Zitat, versteht Musik als Werkzeug gegen Unterdrückung und für mentale Gesundheit – ein kraftvolles Statement, das die Halle endgültig zum Kochen brachte. Nach dem größten Circlepit des Abends bei „Love Burns“ endete die Show mit dem brachialen „Please End Me“, wonach eine sichtlich erschöpfte, aber glückliche Menge in die Nacht entlassen wurde.
Fazit
Paleface Swiss haben an diesem Abend bewiesen, dass sie nicht mehr nur ein Geheimtipp der Szene sind, sondern das neue Zugpferd eines ganzen Genres. Mit einer Show, die musikalische Finesse, emotionale Botschaften und brachiale Gewalt perfekt ausbalancierte, haben sie neue Maßstäbe gesetzt. Ein triumphaler Abend, der durch die TV-Aufzeichnung hoffentlich noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Fotocredit: Fabian Hafels
Review: Florian Chojetzki