Am Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust veröffentlichen der Berliner Musiker Gidon Carmel und der US-amerikanische Sänger Kyle Morton eine Doppelsingle, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzt. „Prelude / Stranger on a Train – 1944“ ist der Auftakt zu JOKA, einem Konzeptalbum, das am 12. Juni 2026 via popup-records erscheint – und schon jetzt klar macht, dass hier keine beiläufige Musik veröffentlicht wird.
„JOKA“ erzählt die Geschichte von Carmels Großmutter, die er selbst nie kennenlernen konnte. Der Ausgangspunkt ist eine Kiste mit Briefen, die Carmel 2018 fand: geschrieben von einer Frau, deren Leben von der Deportation nach Auschwitz bis in die fragile Zeit danach reicht. Aus diesem Fund entstand über drei Jahre hinweg ein Album über Erinnerung, Verlust und die Frage, wie man heute über eine Vergangenheit spricht, die sich jeder vollständigen Sprache entzieht.
Der zentrale Track der Doppelsingle, „Stranger on a Train – 1944“, führt an einen konkreten Ort und in einen konkreten Moment: Gyula, Ungarn, 1944. Eltern sprechen beruhigende Worte zu ihren Kindern – Worte, die Hoffnung tragen sollen. Doch dieselben Sätze, aus einem anderen Mund gesprochen, kippen ins Bedrohliche. Genau hier setzt der Song an: in dem Moment, in dem private Geschichte untrennbar Teil eines historischen Abgrunds wird.
Wichtig ist dabei, was „JOKA“ nicht sein will. Kein historisches Lehrstück, kein museales Erinnerungsobjekt. Carmel und Morton begreifen das Album bewusst als Antikriegsalbum – gegen Entmenschlichung, gegen Rassismus und gegen die politische Instrumentalisierung von Gedenken. Konsequenterweise erscheint „JOKA“ nicht auf Spotify. Ein Teil der Einnahmen geht stattdessen an PCRF und Standing Together.
„Prelude / Stranger on a Train – 1944“ ist keine einfache Veröffentlichung. Aber eine notwendige. Eine, die zeigt, dass Erinnerung keine abgeschlossene Vergangenheit ist – sondern Verantwortung im Hier und Jetzt.
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