Restmüll setzen mit „Nicht lang aber flott“ genau dort an, wo sie mit „Geld regiert die Welt“ aufgehört haben – und gleichzeitig auch überhaupt nicht. Das neue Album ist weniger eine logische Fortführung ihres ersten Streichs als vielmehr ein selbstironisches Manifest darüber, was passiert, wenn Punk nicht älter wird, sondern einfach… älter ist. Und genau darin liegt die große Stärke dieses Werks: Restmüll ignorieren Erwartungen, Trends und Altersmüdigkeit gleichermaßen und erschaffen ein Album, das sich weigert, irgendetwas anderes zu sein als ehrlicher, dreckiger, leicht angeschrägter Punk aus dem Herzen des Wendlands.
Wer den Vorgänger kennt, weiß, dass Restmüll nie versucht haben, musikalische Neuerfindung zum Kern ihres Schaffens zu machen. Schon „Geld regiert die Welt“ punktete eher durch seine charmante Direktheit und den rauen DIY-Spirit als durch stilistische Breite. „Nicht lang aber flott“ nimmt diesen rohen Ansatz nicht nur auf, sondern treibt ihn mit einem deutlich stärkeren Fokus auf Selbstironie und Altersreflexion auf die Spitze. Wo beim Debütalbum noch die Euphorie eines unerwarteten Comebacks dominierte, ist der zweite Longplayer von einer wohldosierten Mischung aus Resignation, Eskapismus und Lebenslust geprägt – allerdings immer mit diesem typischen Restmüll-Grinsen, das bereits seit Jahrzehnten zwischen Clenze, Kneipentresen und Proberaumtüren hängt.
Die musikalische Entwicklung fällt ähnlich aus wie beim Vorgänger: Restmüll bleiben ihrem reduzierten, liveorientierten Klangbild treu und präsentieren erneut Punk, der sich nicht für Perfektion interessiert, sondern für Haltung. Im Vergleich zu „Geld regiert die Welt“ wirkt die Produktion jedoch minimal runder, was vermutlich der erneuten Studio-Erfahrung geschuldet ist – auch wenn das Chaos im Herzen weiterhin bewusst kultiviert wird. Wer beim letzten Album die ungeschliffene, spontane Energie liebte, bekommt hier eine Version davon, die bewusst gelassener, aber keinesfalls müder klingt.
Thematisch setzen Restmüll ihre traditionsreiche Mischung aus Alltagsbeobachtungen, Alkoholhumor, Lokalpatriotismus und Selbstkarikatur fort. Im Gegensatz zu früher schwingt jedoch eine neue Ebene mit: Die Musik ist durchzogen von einem offenen Umgang mit dem Alter, mit körperlichen Gebrechen, mit Gelassenheit und gleichzeitig mit einer fast jugendlichen Aufsässigkeit, die zeigt, dass Punk weder Falten noch Fristen kennt. Es ist ein Album, das nicht wachsen will, sondern sich weigert zu verwelken.
Wer das Debütalbum mochte, wird auch hier ein Zuhause finden – allerdings eines, das ein paar graue Haare mehr hat und genau darauf stolz ist. Wer hingegen auf große musikalische Vielfalt hofft, könnte wie schon beim Vorgänger eher wenig Neues finden. Doch gerade das ist die unerschütterliche Essenz dieser Band: Restmüll existieren nicht, um Erwartungen zu bedienen.
Unterm Strich ist „Nicht lang aber flott“ ein ebenso ehrlicher wie sympathischer Nachfolger, der das Versprechen des Vorgängers einlöst: Restmüll bleiben Restmüll – und das ist in einer zunehmend glattgebügelten Musikwelt vielleicht der radikalste Akt von allen.
Fotocredit: Albumcover / Artwork