„Blind Date“ – das klingt nach roten Rosen, Peinlichkeiten und zu viel Wein. Doch was Uncle M und Munich Warehouse hier veranstalten, ist kein Tinder-Treffen mit Gitarre, sondern ein radikal charmantes Musikexperiment. 15 Bands, 6 Songs – und niemand wusste vorher, mit wem man im Studio landen würde. Ein kreatives Roulette, bei dem es statt Kugeln Funken regnet.
Die Idee ist ebenso einfach wie genial: Zwei befreundete Labels, Mario Radetzky (Munich Warehouse / Blackout Problems) und Mirko Gläser (Uncle M), werfen ihre Acts in den Lostopf – und lassen das Schicksal entscheiden. Was nach Wahnsinn klingt („Aus Sicht eines Major Labels ist das doch Wahnsinn“, sagte Mirko selbst), wird zu einem leidenschaftlichen Plädoyer für Offenheit, Mut und künstlerische Freiheit. Das Ergebnis: ein kunterbuntes Potpourri aus drei deutschen und drei englischsprachigen Songs – mal düster, mal wütend, mal schwelgerisch – aber immer mit Haltung.
Den Auftakt machte am 14. November „Realität“ von Kochkraft Durch KMA × Heisskalt – ein Song über Eskapismus in all seinen Formen: Verliebtsein, Drogen, Konzerte, Alkohol. Und doch klingt er nie resigniert. Eher wie eine rebellische Umarmung mit der Realität – Gitarrenwände inklusive.
Es folgten Woche für Woche musikalische Überraschungen: „Wasted Youth“ von Emmerich, Attic Stories und Friends Don’t Lie ließ melancholische Schwere und melodische Leichtigkeit aufeinandertreffen. Mit „Crashing Out“ lieferten Chiefland, Himitzu und Watch Me Rise eine rohe, laute, intensive Soundkollision ab – wie ein vertonter innerer Aufprall. „Nichts dagegen“ von Peter aus der Mozartstraße und VASI kam bittersüß und klug beobachtet daher, ein Stück wie ein vertonter Tagebucheintrag zwischen Melancholie und Mut. Flash Forward, Coast Down und Wait Of The World hoben mit „FYU“ hymnisch ab: kraftvoll, catchy – und gleichzeitig ganz ohne Kitsch. Und schließlich gipfelt die musikalische Reise am 19. Dezember mit „Madonna vs. Britney“, dem krachenden Finale von Remote Bondage und Nikra – ein Abschluss voller Haltung, Ironie und elektrisierender Reibung. Und natürlich: in der VÖ des „Blind Date“-Samplers selbst.
Was bei all diesen Tracks auffällt: Trotz blindem Setup wirken sie unfassbar harmonisch. Als hätten sich diese Acts längst gekannt. Vielleicht, weil sie sich aufeinander eingelassen haben. Vielleicht, weil man Kunst eben nicht planen, aber möglich machen kann.
„Ich bin ein Fan von Projekten, denen man schon beim ersten Blick anmerkt, dass sich da Menschen für eine Idee begeistert haben, die sicherlich nicht mit wirtschaftlichen, sondern mit künstlerischen Interessen gestartet hat“, sagt Mario Radetzky. Und trifft damit ins Herz dieses Albums. „Blind Date“ ist ein Gegenentwurf zur Optimierungswut unserer Zeit. Ein Gegensymbol zu Protektionismus und Isolationismus. Und ja: ein bisschen surreal. Aber nicht weniger echt.
Was hier passiert, ist eine kollektive Liebeserklärung an die Musik – und an das kollaborative Denken. Und wenn am Ende eine einseitig bespielte, siebdruckveredelte Vinyl in der Hand liegt, dann ist das nicht nur ein Sammlerobjekt. Sondern ein Beweis dafür, dass Kunst noch was darf. Und zwar überraschen.
Um es auf den Punkt zu bringen: „Blind Date“ ist die schönste Band-Verkupplung seit es Indie-Labels gibt. Ein Mix aus Chaos, Können und Kreativität – schräg, kritisch und gleichzeitig wunderbar menschlich. Wenn Kunst die Führung übernimmt, darf auch mal das Herz entscheiden. Wir vergeben 4 von 5 (recycelte !) Vinyl-Herzen. Oder wie man auf Label-Deutsch sagt: „Wahnsinn. Aber schöner Wahnsinn.“
Fotocredit: Uncle M / Munich Warehouse