Mit „Everest“ veröffentlicht die US-amerikanische Hardrock-Band Halestorm ihr mittlerweile sechstes Studioalbum – ein Werk, das nicht nur musikalisch, sondern auch emotional an die Substanz geht.
Die Band um Frontfrau Lzzy Hale zeigt sich darauf kompromissloser denn je und schärft ihr Profil mit einer klaren Botschaft: Standhaftigkeit, Selbstbehauptung und Verletzlichkeit sind kein Widerspruch, sondern gehören zusammen.
Wer Halestorm seit den frühen Tagen von „The Strange Case Of…” oder dem rauen Debüt „Halestorm“ kennt, weiß um den schmalen Grat zwischen radiotauglichem Hardrock und roher Bühnenenergie. Auf „Everest“ gelingt der Band erneut der Spagat – jedoch mit deutlich mehr Reife und Tiefgang als zuletzt auf „Vicious“, das zwar kraftvoll produziert, stellenweise aber in vorhersehbare Strukturen abdriftete. Wo sich das letzte Album noch zwischen Charts-Anspruch und harter Gitarrenwand verhedderte, wirkt „Everest“ deutlich kohärenter und organischer.
Musikalisch ist „Everest“ eine düstere, dynamische Weiterentwicklung des bekannten Halestorm-Sounds. Der Fokus liegt auf atmosphärischer Dichte, treibenden Riffs und emotionalem Gewicht – eine Rückbesinnung auf die Stärken der Band, ohne sich in alten Mustern zu verlieren. Gerade die Produktion punktet mit Tiefe und Authentizität. Die Songs wirken weniger glattpoliert als auf „Into the Wild Life“, dafür echter, kantiger, entschlossener.
Lzzy Hale, deren Stimme wie gewohnt zwischen Zerbrechlichkeit und unbändiger Kraft changiert, überzeugt mit einer Performance, die persönliche Kämpfe spürbar macht, ohne ins Pathos abzudriften. Die Entscheidung, Schmerz und Stärke nicht gegeneinander auszuspielen, sondern zu vereinen, verleiht dem Album eine erfrischende Ehrlichkeit. „Everest“ klingt nicht nach Pose – sondern nach Verarbeitung, nach Überleben.
Im Kontext der Diskografie markiert „Everest“ einen möglichen Wendepunkt. Wo frühere Werke gelegentlich unter Genre-Erwartungen litten, scheint Halestorm mit diesem Album angekommen zu sein: Bei sich selbst, bei dem, was sie musikalisch wie inhaltlich ausdrücken wollen. Das Album trägt die Handschrift einer Band, die gelernt hat, dass Eskalation nicht immer laut sein muss – aber immer konsequent.
Ob „Everest“ das stärkste Halestorm-Album ist, bleibt Geschmackssache. Sicher ist: Es ist ihr aufrichtigstes. Und genau darin liegt seine Wucht.
Fotocredit: Jimmy Fontaine