Wenn bereits am Donnerstag die Nacht zum Tag gemacht wird und alle Zeichen auf Wochenende stehen, dann ist die Zeit des Airbeat One Festivals gekommen. In der bereits 22ten Ausgabe des Electro-Klassikers verwandelte sich der Flugplatz im beschaulichen Neustadt-Glewe vom 09.-13.07.25 in eine fantastische Festivallandschaft. Das Mottoland Spanien garantierte Urlaubsstimmung pur mit Sonnenstrahlen, Sommer, Musik, gebannt in einer mediterranen Oase zwischen Berlin und Hamburg – inklusive bunten Dekorationen und vielfältiger Fiesta-Atmosphäre. Das Herzensprojekt von Veranstalter Sebastian Eggert eiferte seinem Vorbild Tomorrowland fleißig nach und sorgte für die größte Party Norddeutschlands.
Passend zum Motto wurden die Besuchenden am Donnerstag von strahlend blauem Himmel empfangen. Neben bis zu 3000 Einheimischen aus der Region, die am ersten Tag traditionellerweise freien Eintritt genießen dürfen, fanden um die 2000 spanische Landsleute den Weg in den Norden Deutschlands. Vor allem auf dem Nordcamping-Gelände war Spanisch die dominierende Sprache – Beweis dafür, wie vortrefflich das Konzept eines ausgewählten Mottolandes für die internationale Verbundenheit funktioniert. Diese Idee ist nur eine von vielen, die die Handschrift des Tomorrowlandes trägt. Bevor es die Airbeat nächstes Jahr thematisch in die Niederlande verschlägt, ging es in diesem Jahr feurig heiß im spanischen Flamenco-Stil daher. An allen Ecken konnte man Dekorationen erkennen, die das spanische Motto perfekt widerspiegelten. Auch eine Flamenco-Gruppe als Walking Act durfte nicht fehlen. Die Mainstage, welche jedes Jahr das visuelle Herzstück des Festivals bildet, zeigte eine Kombination aus Gaudís imposante Sagrada Familia sowie der Madrider Stierkampfarena, welche die Kulisse für außergewöhnliche Electro-Acts mimte. Dazu fanden sich über 200.000 Menschen während des gesamten Wochenendes ein, um auf sechs Bühnen gemeinsam zu feiern.
Ein großer musikalischer Fokus lag dieses Jahr auf Techno in allen Variationen. Das Powerhouse dessen lag in der Arena Stage, welche am Donnerstag bereits mit Schrotthagen und I Hate Models aufwartete. Aber auch Acts auf der Mainstage wie Deborah De Luca repräsentierten stolz diese Spielrichtung der elektronischen Tanzmusik. Gerade am ersten Tag war die Atmosphäre in der Arena noch ansteckender, da die Bereiche neben und hinter der Bühne dem breiten Publikum zugänglich waren. Obwohl dies eigentlich nicht beabsichtigt war, erschuf man damit eine unvergleichliche Boiler Room Atmosphäre und sorgte für spektakuläre Bilder. Hier kam der Cinematic-Techno-Act Schrotthagen schon richtig gut und verkaufte sich vielversprechend. Das Projekt des 63-jährigen Filmkomponisten Dieter Schleip und Musikproduzenten Giovanni Berg (28 Jahre) wirkt zunächst wie ein ungleiches Duo auf der Bühne, da der wesentlich jüngere Giovanni seine ganze Energie mit dem Publikum teilt. Dass diese Kombination aus Erfahrung und Dynamik aber genau das Richtige ist, konnte in großen Klangwelten bewiesen werden. Der oft sphärische Sound, geprägt von Synthies wirkte fesselnd, nahezu hypnotisch. Schon die ersten beiden Alben des erst vor zwei Jahren gegründeten Duos fanden online großen Anklang, dass Schrotthagen ein Act sein wird, den wir demnächst häufiger in Line-Ups lesen werden.
Ganz anders verhielt sich die grundsätzliche Stimmung auf der Harder Stage, welche von einem riesigen Stierkopf geziert wurde. Mit Acts wie Da Tweekaz, Angerfist und Sub Zero Project kam hier die Anhängerschaft von härteren Beats auf ihre Kosten. Besonders aufsehenerregend war die Platzierung der Turntables, welche im Maul des überdimensionalen Stiers ihr zuhause gefunden hatten. Durch gezielte Nebeleffekte und leuchtende Augen ergab sich ein lebendiges Bild, was sich in die Köpfe der Festivalbesuchenden einbrannte. Dazu wurden die Fäuste in die Luft gereckt und man ließ sich durch die Sets peitschen. Besonders beim Wechsel von Sub Zero Project zu dem B2B von Act of Rage und Vertile verschärfte sich der Ton nochmals. Letzterer machte durch die diesjährige Defqon.1 Hymne „Where Legends Rise“ von sich reden, welche man live erleben und ungehemmt feiern konnte.
Nachdem die Butterfly Stage als Novum letztes Jahr eingeführt wurde, konnte sie sich als echtes Highlight sowohl für Classics als auch für Mallorca-Liebhabende etablieren. Der DJ von Brooklyn Bounce oder auch Special D standen hier neben Mia Julia auf der Tagesordnung. Eingerahmt vom VIP-Camping fügte sich die bunt gestaltete Bühne nahtlos ins Gesamtbild an und wurde anerkennend angenommen. Mit ausgedehnten Möglichkeiten zum Chillen, Zugang zum eigenen Pool sowie Wasserinstallationen auf dem Weg zur Bühne lag der Vergleich zum Tomorrowland erneut auf der Hand. Dazu benannte Veranstalter Sebastian Eggert Tomorrowland ganz klar als Vorbild für die Airbeat One, welches zahlreiche Anstöße geliefert habe. Eine vollumfängliche Experience kann es aber nicht geben, wenn man weiterhin einen konkurrenzfähigen Preis anbieten möchte – Tomorrowland light quasi. Wobei sich die Airbeat an vielen Ecken wirklich nicht verstecken muss. Der altbewährte Bungee-Tower und das Riesenrad prägten das Bild des Festivals dieses Jahr genauso wie imposante Feuershows und ein Bus, der von Fans auseinander genommen wurde. Im vorderen Teil wurde einfach ein DJ Deck installiert und los ging die wilde Party im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Bus wackelte ordentlich, sodass. die Stoßdämpfer des Technobuses definitiv auf eine harte Probe gestellt wurden. Dafür befand sich hier auf jeden Fall die Feier mit dem größten Funfaktor in dem geringstmöglichem Raum.
Je später die Nacht wurde, desto mehr leerten sich die besagten Bühnen zunehmend – bis auf eine: In der Arena versammelten sich um drei Uhr morgens die Massen, um den französischen DJ I Hate Models gebührend zu feiern. Der Auftritt, der immer mit einem offenen Ansatz verfolgt wurde und rohe Emotionen in den Mittelpunkte rückte stand mit seiner düsteren Härte im Gegensatz zur Welt des Hochglanz-EDMs, wie man sie gleichzeitig auf der Hauptbühne um Steve Aoki erleben konnte. Das Set draußen wirkte im Vergleich fast einfallslos und konnte nicht ganz an die hohen Erwartungen anknüpfen. Der Techno-DJ wirkte energiegeladen und elektrisierte damit das gesamte Zelt bis in die frühen Morgenstunden. Hier kam jede ravende Person auf ihre Kosten, egal, ob im Publikum oder ganz nah auf der Bühne am Producer dran.
Ein weiteres Highlight, welches nicht unbedingt auf der Airbeat One zu erwarten war, hieß in der Nacht von Freitag auf Samstag Cascada, die live im Terminal spielen. Zugegeben wurde das Set in erster Linie von Erinnerungen an eine Zeit, in der Eurodance noch Schulhofsoundtrack war, getragen, dennoch lag allseits Euphorie in der Luft. Gerade die aneinandergereihten Hits zum Einstieg holten die Zuschauenden direkt ab und begeisterte vollumfänglich. Trotz all der Nostalgie gab es auch neue Musik von der Musikgruppe in Form der Single „Ain’t No Mountain High Enough“ ihres im letzten Jahres erschienenen Konzeptalbums „Studio 24„. Besonders die EDM-Passagen standen stellten die Vorzüge der Band heraus und feuerten die Stimmung im Publikum an. Der Song auf den alle gewartet haben, „Everytime We Touch“, markierte den Hochpunkt des einstündigen Auftrittes und ließ begeisterte Menschen zurück.
Spätestens jetzt war klar, dass es die Airbeat One mal wieder geschafft hatte, das magische Gefühl, welches eines Tomorrowlandes würdig war, nach Mecklenburg-Vorpommern zu bringen. Auf vielen Ebenen ist dies ein Herzensprojekt der Veranstaltenden, was sich in der liebevollen Aufmachung der Bühnen, dem durchdachten und hochkarätigen Line-Up und einer fantastischen Atmosphäre manifestieren ließ. Im Großen und Ganzen sorgte das Festival für einzigartige Momente, die gemeinsam zelebriert wurden und neue Freundschaften schürten. Denn die Airbeat One agierte mit ihren mehr als 250 Acts verlässlich gegen das triste Alltagsgrau, für Eskapismus, eine solide Community und die unbändige Kraft der elektronischen Musik. Gemeinsam vereint freuen wir uns auf die nächste Ausgabe mit dem Mottoland Niederlande, welches vom 08.-12.07.2026 wieder auf dem Airfield in Neustadt-Glewe stattfinden wird.

Fotocredit: Julian Canto (Titelbild) & Philip Krahnert